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Brief (16-nl_224_001-003)

Graz 3 Jänner 1881.

Hochverehrter Herr Geheimer Rath,

Indem ich Ihnen für die rasche und liebenswürdige Auskunft, die Sie mir gaben, meinen verbindlichsten Dank sage, bitte ich um Entschuldigung, dass ich, im Drange dieser letzten unruhigen Zeiten, bis jetzt auf Ihre Anfrage nicht geantwortet habe – Ich kann mich nicht entsinnen, dass auf dem Gebiete der romanischen Philologie neuerdings Untersuchungen eigens über die sporadischen Lautübergänge veranstaltet worden wären. Material aber für die von Ihnen beabsichtigte Erörterung werden Sie überall finden, ich glaube besonders in N. Caix1 Studi di etimologia italiana e romanza Firenze 18782. Auch denke ich mir, dass die Studien zur romanischen Wortschöpfung von Carolina Michaëlis3 Leipzig 18764 Sie interessiren würden; Sie kennen vielleicht dieselben schon. Ganz rohes Material bietet wohl auch Paul Förster's kürzlich erschienene Grammatik der spanischen Sprache5, welche mir nicht auf der Höhe der Wissenschaft zu stehen scheint. Freilich haben, wenn irgendwo, in den romanischen Sprachen die Analogieerscheinungen einen ungemeinen Umfang, und so müsste über das, was Ihrem Zwecke dienlich sein könnte, von Fall zu Fall entschieden werden. Ihrer Schrift sehe ich mit grösster Spannung entgegen, da ich mich für Methodologisches überhaupt sehr interessire und insbesondere für die von Ihnen ventilirte Frage; ich bin überzeugt, dass manche Unklarheit, welche mich jetzt belästigt, dadurch gehoben werden wird. Ich hatte seit längerer Zeit die Absicht, gegen die Junggrammatiker Etwas zu schreiben und besonders gegen das enfant terrible derselben, O.6, – Paul's neuestes Buch7 liegt auf meinem Tische, ich habe es aber noch nicht gelesen und weiss also nicht, ob es auf dem alten schroffen Standpunkt stehen bleibt – ; als Romanist kann ich gegen die Analogieen + nicht viel einzuwenden haben, aber als einer, der immer eine gewisse Neigung für naturwissenschaftliche Betrachtung gehegt hat, muss ich wenigstens die Analogie zwischen Lautgesetz und Naturgesetz durchaus verwerfen.– Gewisse Dinge von äusserster Wichtigkeit lassen sich wohl nur mittelst der naturwissenschaftlichen Methode ergründen; schon längst steht es mir fest, dass es keinen Schwund und keinen Zutritt von Lauten, sondern nur Assimilation und Dissimilation gibt (diese Überzeugung habe ich kürzlich in der Gröber'schen Zeitschrift8 ausgesprochen), aber die Begründung im Einzelnen stiess auf eine eigenthümliche Schwierigkeit, die auf experimentalem Wege zu lösen ich schon seit dem Sommer bemüht bin. Indessen hoffe ich doch, dass meine Arbeiten im physiologischen Institut mir bald die erwünschte Gewissheit verschaffen werden.9 Begreiflicher Weise habe ich nach Techmers Phonetik10 mit grösstem Eifer gegriffen; aber ich gestehe zu meiner Schande, es geht mir mit dem Buche, wie es mir als Studenten mit Leutsch's griechischer Metrik11 ergangen ist, ich kann mich durchaus nicht hineinlesen. Es enthält die Ergebnisse wichtiger und schöner Untersuchungen, aber es ermangelt gänzlich jener Uebersichtlichkeit und künstlerischen Abrundung, an welche Niemand mehr als Sie uns gewöhnt haben.

Verzeihen Sie, hochverehrter Herr, das décousu12 meiner Bemerkungen und erhalten Sie mir Ihr Wohlwollen. Ich würde glücklich sein, wenn ich Ihnen irgend einen Dienst leisten könnte.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster

Hugo Schuchardt

+ wohl verstanden, ganz im Allgemeinen; ich denke die Ursache der Analogiewirkung ist immer bestimmt nachzuweisen und solche Erklärungen wie amour aus amoureux, span. cinco aus quatro besagen so gut wie nichts.


[1]  Napoleone Caix (1845-1882), Lehrstuhl für Dialektologie und romanische Sprachen in Florenz. Zur Korrespondenz zwischen Caix und Schuchardt s. die Briefe 01491-01494 im Nachlass Schuchardts.

[2] Caix (1878).

[3] Carolina Michaëlis de Vasconcel(l)os (1851-1925). Da nach ihrem Schulabschluss an deutschen Universitäten noch kein Studium für Frauen zugelassen war, studierte sie autodidaktisch klassische, romanische, slawische und semitische Sprachen. Korrespondenz u.a. auch mit H.Schuchardt. 1911 erhielt sie einen Lehrstuhl an der Universität Lissabon, lehrte dort aber nie, sondern an der Universität Coimbra, wo sie o.Prof. für germanische und romanische Philologie war. Zwischen Michaëlis de Vasconcel(l)os und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 07313-07351 des Nachlasses (publiziert in Hurch 2009b).

[4] Michaëlis (1876).

[5] Förster, Paul (1880): Spanische Sprachlehre. Berlin: Weidmannsche Buchhandlung.
P. Förster (1844-1925), Studium der Altphilologie und Geschichte in Berlin und Göttingen. 1873 Promotion an der Berliner Universität. Gymnasiallehrer in Berlin. Tierschützer und Antisemit. Agitator in der "Berliner Bewegung" und Mitautor der Antisemiten‑Petition. Abgeordneter der Deutschsozialen Antisemitischen Partei.

[6] Hermann Osthoff (1847-1909), 1869 Promotion in Bonn, ab 1870 Lehrer in Kassel, 1875 Habilitation in Leipzig, ab1877 Prof. für Vergleichende Sprachwissenschaft und Sanskrit in Heidelberg. Zwischen Osthoff und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 08420-08422 des Nachlasses.

[7] Paul, Hermann (1880): Principien der Sprachgeschichte. Halle: Niemeyer.
H. Paul (1846-1921), Germanist. 1872 Habilitation in Leipzig. Ab 1874 ao.Prof., ab 1877 o.Prof. für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Freiburg im Breisgau, ab 1893 o.Prof. für deutsche Philologie an der Universität München. Gemeinsam mit W.Braune Gründung der "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur". Zwischen Paul und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch den Brief mit der Nummer 08684 des Nachlasses.

[8] Schuchardt bezieht sich hier auf Bd. IV.1880 der vom Romanisten Gustav Gröber (1844-1911) herausgegebenen "Zeitschrift für romanische Philologie", wo er auf p. 185 schreibt: "[...] dass was man als Schwund und Zutritt von Lauten auffasst, im Grunde nur Assimilation und Dissimilation ist, oder mit anderen Worten, dass es keine gleichzeitig qualitativen und quantitativen Veränderungen in der Sprache gibt." (Zu Ztschr. IV 143. Zeitschrift für romanische Philologie, IV.1880, pp. 384-85).
Zwischen Gröber und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 04000-04156 des Nachlasses.

[9] Die Korrespondenz zwischen Schuchardt und dem als Professor für Physiologie und Histologie an der 1863 neu eingerichteten Medizinischen Fakultät der Universität Graz tätigen Alexander Rollett verrät, dass Schuchardt von Rollett erfahren wollte, "ob irgendein Mittel schon existiert oder sich herstellen läßt, um die wechselnde Exspirationsstärke beim Sprechen zu messen, etwa in einer Kurve darzustellen". Es ging ihm darum, die Verbindung von stimmlosen Plosiven mit folgendem Vokal zu untersuchen: "Das Schwingen der Stimmbänder in ta kann erst eintreten, nachdem ich den t-Verschluß gelöst habe, es wird also dazwischen immer etwas nicht schwingende Luft entweichen, mit anderen Worten, die Tenuis muß immer aspiriert gesprochen werden, und zwischen der Tenuis der Deutschen und der der Slawen und Romanen besteht somit nur ein quantitativer Unterschied" (vgl. Höflechner & Wagner 2012).

[10] Techmer, Friedrich (1880): Phonetik. Zur vergleichenden Physiologie der Stimme und Sprache. Leipzig: Engelmann.
F. Techmer (1843-1891) habilitierte sich mit dieser Arbeit aus Allgemeiner Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig. Davor hatte er Mathematik und Naturwissenschaften studiert und 1867 an der Universität Greifswald mit der Arbeit "De scientiae naturalis unitate et articulatione" promoviert. Zwischen Techmer und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 11573-11578 des Nachlasses.

[11]  Leutsch (1841). Ernst Ludwig von Leutsch (1808-1887), klassischer Philologe, erst Privatdozent, ab 1837 ao. Prof. in Göttingen, 1856-88 Herausgeber der Zeitschrift Philologus.

[12]  Frz. 'Zusammenhanglosigkeit'.