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Brief (19-02218)

Leipzig 23 Mai 85

Hochgeehrter Herr College,

Schon Ihr freundlicher Brief vom 2 Febr., mit dem Sie meine Zusendung der kleinen Schrift ‚Zur Kritik’1 sofort eingehend und belehrend beantworteten, reizte mich zu einer Antwort meinerseits. Denn in der Lage, in der ich mich befinde – von einer Clique jüngerer unfehllbarer Mitforscher durchaus zurückgewiesen und zum alten Eisen geworfen und nur von wenigen in manchen wichtigen Punkten unterstützt – ist mir jede in die Sache eingehende Zustimmung, auch wenn sie sich nicht auf alle Punkte bezieht, hoch willkommen. Ich hätte Ihnen das längst mit Dank ausgesprochen, wenn ich nicht einen gewissen Abschluss derartiger Mittheilungen hätte abwarten wollen.

Ihr freundlicher Glückwunsch zu der mir in Wien zu Theil gewordenen hohen Ehre2 lässt mich nun endlich nicht länger zögern. Diese Ehre hat mich hoch erfreut als Zeichen der Zustimmung in jenen Kreisen. Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte darüber und bin sehr gespannt auf die Schrift über die Lautgesetze3, die sie mir ankündigen und aus der ich reiche Belehrung zu schöpfen hoffe. Gerade aus der reichen Fülle unbestreitbarer Thatsachen, welche die romanische Forschung beherrscht, kann am allerbesten das allgemeine Urtheil über die Constanz der Lautbewegung aufgeklärt werden. Es ist mir viel werth in diesem Punkt so sehr mit Ihnen übereinzutreffen. Über die Zeiten, in denen die Analogie hauptsächlich wirksam ist, würde ich hoffen mich mit Ihnen verständigen zu können. Vielleicht geben Sie, wie auch Delbrück4, zu, dass es jedenfalls sehr verwegen ist selbst für die frühesten, nur erschlossenen Perioden der Sprachen auf Schritt und Tritt schon Analogiewirkungen anzunehmen. Den hartnäckigsten Widerstand finde ich in Bezug auf den indogermanischen Vocalismus.5

Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich vor einigen Jahren mir Ihren Rath erbat in Bezug auf Schriften, die mich in Betreff des romanischen Lautwandels belehren könnten. Sie nannten mir damals Car. Mickaelis und Caix, aus denen ich viel gelernt habe.6 Schon dadurch war ich verpflichtet Ihnen die Frucht meiner Studie zuzusenden, und jetzt erst sehe ich, wie werthvoll es für mich war mit Ihnen in nähere Verbindung zu treten.

In aufrichtiger Dankbarkeit
Ihr ergebenster

Georg7 Curtius


[1] Curtius, G. (1885): Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig: S. Hirzel.

[2] Ernennung zum Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

[3] Schuchardt, H. (1885): Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker. Berlin: Oppenheim. http://schuchardt.uni-graz.at/werk/pdf/55.

[4] Berthold Delbrück (1842-1922), Sprachwissenschaftler. 1867 Habilitation in Halle mit der Schrift "De usu dativi in carminibus Rigvedae". 1867-1870 Dozent für Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Halle, ab 1870 Prof. in Jena. Arbeiten zur vergleichenden Syntax der indogermanischen Sprachen. Zwischen Delbrück und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 02271-02273 des Nachlasses.

[5] Curtius befasst sich im III. Kap. der Schrift "Zur Kritik der neuesten Sprachforschung" ausführlich mit diesem Thema.

[6] Die Informationen über den romanischen Lautwandel fanden in Curtius' "Zur Kritik der neuesten Sprachforschung" auf pp. 119f. Eingang, wobei Schuchardt nicht namentlich genannt wird: "Ein befreundeter, gerade um den Lautwandel höchst verdienter Gelehrter, den ich deswegen befragte, verwies mich besonders auf die Schriften von Caroline Michaelis 'Studien zur romanischen Wortschöpfung' (L. 1876), und von N.Caix 'Studi di Etimologia Italiana e Romanza' (Firenze 1878). Aber hier stiess ich auf Aeusserungen, die ganz von den jetzt beliebtesten abweichen, an mehr als einer Stelle, z. B. S. 149 der zuerst genannten Schrift: 'In allem Sprachlichen windet sich die Wahrheit der Regel nur wie ein dünner Faden durch das Labyrinth der Ausnahmen', S.149 'Nirgends lässt die Sprache sich von einem kategorischen Imperativ meistern', S. 210 'Wenige Wörter bleiben auf ihrer räumlichen Wanderung von Nation zu Nation oder auf ihrer zeitlichen von Jahrhundert zu Jahrhundert unangetastet'. Die Annahme, welche bei den Anhängern der neuen Richtung von allen die verpönteste ist, dass eine und dieselbe Grundform sich ohne erkennbaren Anlass in zwei und mehrere jüngere Formen gespalten habe, wird im romanischen Gebiet massenweise zugelassen." Curtius führt noch weitere Beispiele an und schließt den Abschnitt über den romanischen Lautwandel mit folgendem Satz: "Von diesem Ausflug in romanische Gebiete kehrte ich also unverbessert zurück."

Zwischen Michaëlis de Vasconcel(l)os und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 07313-07351 des Nachlasses. Auch mit Caix korrespondierte Schuchardt, wie anhand der Briefe 01491-01494 bezeugt.

[7] Curtius' Handschrift? (stark abweichend von den Varianten in den anderen Briefen, in denen er seinen Vornamen ausgeschrieben hat).