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Brief (15-02217)

Leipzig 8 Dec. 80
An der 1sten Bürgerschule 1

Hochgeehrter Herr College,

Es ist mir ein Vergnügen, dass Sie mir eine Gelegenheit bieten wieder in directe persönliche Beziehungen zu Ihnen zu treten, nachdem ich so manches Jahr nur mittelst der Druckerpresse Kunde von Ihnen erlangte und mich Ihrer Studien freuen durfte.

Dass Professor Gustav Meyer1 durchaus geeignet ist, in die ordentliche Professur aufzurücken, ist für mich zweifellos. Von seinen Kenntnissen und seiner Darstellungsgabe hatte derselbe schon in seinen verschiedenen kleineren Aufsätzen hinreichende Belege gegeben. Ich möchte unter diesen namentlich die Schrift über "die mit Nasalen gebildeten Präsensstämme im Griechischen"2 so wie die inhaltreichen und für die Wissenschaft förderlichen Abhandlungen über Stammbildung und Composition3 im 5ten und 6ten Bande der von mir herausgegebenen "Studien"4 hervorheben. Mit der Richtung und den Ansichten, die in Prof. Meyer's neuestem ansehnlichen Buch, der Griechischen Grammatik5, hervortreten, bin ich nicht ganz einverstanden. Doch hat mich das in meiner Recension des Buches im Litterarischen Centralblatt6, die Sie erwähnen, nicht gehindert sehr vieles darin warm anzuerkennen, so namentlich die sehr sorgfältigen epigraphischen Vorarbeiten7, die äusserst fruchtbringend sind und die volle Sachkenntniss.8 Das Buch ist auf jeden Fall äusserst nützlich, auch als zusammenfassende Uebersicht über die Sprachstudien der letzten Jahre, insofern sich diese auf das Griechische beziehen. Es fehlt auch nicht an einzelnen feinen Bemerkungen durchaus selbständiger Art. Als eine besondre Stärke möchte ich noch Meyer's Vertrautheit mit dem Neugriechischen hervorheben, die um so schätzenswerther ist, je seltner sie sich findet.9 Unter den jüngeren Sprachgelehrten wüsste ich keinen, den ich lieber zu der fraglichen Stelle empfehlen möchte.

An eine Bemerkung von Ihrer Seite anknüpfend füge ich hinzu, dass ich meine Recensionen schon seit langer Zeit deswegen nicht unterzeichne, weil es mir geschehen war, dass man einzelne Stellen daraus aus dem Zusammenhang gerissen mit meinem Namen für buchhändlerische Reclamen benutzt hatte.10

Gestatten Sie mir nun bei dieser Gelegenheit noch eine Bitte. Mit Bezug auf verschiedene jetzt schwebende methodologische Fragen bereite ich eine Schrift11 vor, in welcher ich unter anderm die jetzt so viel erörterte Behauptung, es gäbe keine sporadischen Lautübergänge einer Kritik unterziehen möchte. Zu diesem Zwecke wären mir Sammlungen solcher Thatsachen aus lebenden, namentlich also auch aus den romanischen Sprachen sehr willkommen. Könnten Sie mich vielleicht auf neuere grammatische Werke aufmerksam machen, die mir in dieser Beziehung Material liefern könnten. Für eine kurze Mittheilung der Art wäre ich Ihnen sehr dankbar. Wenn ich mir von Ihrem sprachlichen Denken eine richtige Vorstellung mache, glaube ich nicht, dass Sie mit den neuen exclusiven Richtungen und dem Hasardspiel des Analogieregelns einverstanden sind, wenigstens in den Uebertreibungen, die wir erleben.

Hochachtungsvoll
Ihr
ergebenster

Georg Curtius


[1] Gustav Meyer (1850-1900), Klassischer Philologe und Indogermanist, 1871 Promotion in Breslau, 1871-74 Gymnasiallehrer in Gotha, danach in Prag, ab 1876 auch Privatdozent an der Prager Karl-Ferdinands-Universität, 1881‑97 Ordinarius für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Graz; Schriften v.a. zum Albanischen, zum Alt-, Mittel- und Neugriechischen und zu indogermanischen Sprachen Kleinasiens. Zwischen Meyer und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 07160-07183 des Nachlasses.

[2] Meyer, G. (1873): Die mit Nasalen gebildeten Präsensstämme des Griechischen mit vergleichender Berücksichtigung der anderen indogermanischen Sprachen. Jena: Mauke.

[3] Meyer, G. (1872): Beiträge zur Stammbildungslehre des Griechischen und Lateinischen. Studien zur griechischen und lateinischen Grammatik, 5, pp. 1-116; Meyer, G.(1873): Zur griechischen Nominalcomposition. Studien zur griechischen und lateinischen Grammatik, 6, pp. 247-258.

[4] Curtius war 1868-78 Herausgeber der Zeitschrift; Studien zur griechischen und lateinischen Grammatik " (10 Bde., Bd.9 und 10 gemeinsam mit Karl Brugmann).

[5] Meyer, G. (1880): Griechische Grammatik. Leipzig: Breitkopf & Härtel. Als Verfasser dieser Grammatik war ursprünglich Curtius vorgesehen; dieser hatte jedoch abgelehnt und seinerseits Meyer dafür vorgeschlagen (vgl. Lochner von Hüttenbach 1976: 19).

[6]  Literarisches Centralblatt für Deutschland (1850-1944), gegründet und herausgegeben von Friedrich Zarncke (s. Fn. 2 unter Brief Nr. 01-02208; zwischen Zarncke und Schuchardt existiert eine Korrespondenz, dokumentiert durch die Briefe der Nummern 12978-12995 des Nachlasses.). Das Exemplar Nr. 43 vom 23.10.1880, auf das sich Curtius hier bezieht, enthält eine ausführliche Rezension von Meyers Griechischer Grammatik (Curtius 1880).

[7] "Ueberaus werthvoll ist die in der 'Einleitung' (S. IX bis XXIV) gegebene Uebersicht über die griechischen Dialekte, ihre Quellen und Literatur, die augenscheinlich aus sehr eingehenden epigraphischen Studien hervorgegangen ist. Bei der Schwierigkeit, diesen in zahllosen Schriften zerstreuten Stoff zusammenzubringen, werden alle Leser, auch nach anderen auf ähnliche Ziele gerichteten Zusammenstellungen, für diesen Ueberblick besonders dankbar sein." (Curtius 1880: 1420).

[8] "Alles zusammengefasst, haben wir in diesem Buche ein auf vollster Sachkenntniss beruhendes, von eignem Nachdenken durchdrungenes, geschickt abgefasstes Repertorium der neuesten Ansichten über griechische Laute und Flexionen, das von keinem, der sich auf diesem Gebiete unterrichten will, übergangen werden darf." (Curtius 1880: 1422).

[9] "Aus dem Griechischen des Mittelalters und der Gegenwart, zu dessen wenigen Kennern bekanntlich Gustav Meyer gehört, wird in aller Kürze viel Werthvolles beigebracht, das uns wünschen lässt, der Verf. gäbe uns bei einer anderen Gelegenheit mehr der Art." (Curtius 1880: 1421).

[10] Curtius' Rezension von Meyers Griechischer Grammatik ist mit "(?)" unterzeichnet (Curtius 1880: 1422).

[11]  Curtius, G. (1885): Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig: Hirzel.