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Brief (5-12582)

Charlottenburg, 7. VIII. 20 Kantstr. 31

Sehr verehrter Herr Professor!

Von einer kleinen Reise nach Mitteldeutschland zurückgekehrt, fand ich zuhaus zu meiner größten Freude Ihren freundl. Brief und Ihre Karte vor.
Ich danke Ihnen zunächst für Ihre liebenswürdigen Worte und für das Vertrauen, das Sie mir schenken: Wie schön plaudern Sie in Ihrem Briefe und wie interessant sind Ihre Bemerkungen. Wenn meine Artikel Ihnen Anlaß geben sollten, auf Ihr Material zurückzugreifen und das eine oder andere zu veröffentlichen, so wäre das die schönste Belohnung meiner Mühen. Daß sarra baskisch ist, war mir sehr interessant. Azkue ist mir leider bisher unzugänglich geblieben. Die hiesige Bibliothek besitzt das Werk1 natürlich; aber es ist seit zwei Jahren verliehen und alle meine Reklamationsversuche blieben bisher erfolglos.
Ihre Arbeit über die Sprache der Saramakkaneger2 kenne ich und benutzte sie s. Z. auf der Bibliothek; doch wäre ich natürlich glücklich, sie zu besitzen, und wenn Sie wirklich noch ein verfügbares Exemplar besitzen und so gütig sein wollen, es mir zu schicken, wäre ich Ihnen ungemein dankbar, besonders wenn Sie eine eigenhändige Widmung hineinschreiben wollten. Es wäre dieses Exemplar dann ein besonderer Stolz meiner Bibliothek.
Jetzt geht eben meine Arbeit „Das Ländliche Leben Sardiniens im Spiegel der Sprache“ bei Winter in Druck. 3 Ich habe darin versucht, die primitive Kultur des ländlichen Sardiniens im Zusammenhang darzustellen, Bodenverteilung, Ackerbau, Ackergeräte, Bienenzucht, Viehzucht, Milch- und Käsebereitung, Spinnen und Weben, die Tracht, Geburt, Hochzeit und Tod. Natürlich mit Abbildungen. Es schwebte mir dabei der so oft von Ihnen betonte Gedanke vor, das lexikalische Material in sachlicher Anordnung zu besprechen, nicht alphabetisch. Die Arbeit geht bis auf meine ersten Sardinienreise (1904) zurück und hat mich andauernd beschäftigt; sie hat mir viel Freude bereitet und ich hoffe, dass man ihr das anmerken wird. Freilich sehe ich jetzt auch erst, wie viel noch nachzuholen wäre, wie viele Lücken und Unklarheiten noch übrigbleiben. Aber es schien mir doch, dass es besser wäre, abzuschließen, da ich vermutlich doch nicht so bald wieder auf längere Zeit nach Sardinien zurückkehren kann.
Es ist merkwürdig, wie Wörter oft verweht werden: Das von Ihnen, Rom. Lehnw. im Berb., S. 554 erwähnte und erklärte berb. tangult, angul = arab. angul findet sich in Sardinien als cp. angúli, angulla, ist also offenbar irgendwie von Nordafrika aus nach S. gelangt. Sie werden gesehen haben, dass ich in meiner kleinen sard.-griech. Arbeit, die Sie hoffentlich erhalten haben, in ähnlicher Weise das cp. /4/ghiani über die arab. Form zu erklären suche. Der Fall anguli scheint mir eine Bestätigung solcher Beziehungen zu sein.
Zu ciecto, apacte etc. weiß ich nichts zu sagen. Wenn velare Reibung gemeint wäre, würde wohl die Schreibung mit j näher liegen.
Ist Ihnen A. Malaret, Diccionario de provincialismos de Puerto Rico, San Juan de P. R., 1917 bekannt und zugänglich? Ich habe mich bisher vergeblich darum bemüht.

Mit nochmaligem Dank für Ihren schönen Brief und Ihre Güte und mit besten Wünschen für Ihr Wohlergehen, verbleibe ich, sehr verehrter Herr Professor,
Ihr ergebener

M. L. Wagner


[1] Es ist anzunehmen, daß HS Wagner R.M. de Azkues Wörterbuch von 1905-1906 (Diccionario vasco-español-francés. 2 Bde. Bilbao – Paris, Geuthner) empfohlen hat.

[2] HS 1914. Die Sprache der Saramakkaneger in Surinam. (Verhandelingen der Koninklijke Akademie van Wetenschappen te Amsterdam. Afdeeling Letterkunde. Nieuwe Reeks. Deel XIV N°. 6). Amsterdam: Johannes Müller. (Brevier/Archiv Nr. 656).

[3] Wagner, Max Leopold. 1921. Das ländliche Leben Sardiniens im Spiegel der Sprache. Kulturhistorisch-sprachliche Untersuchungen. (Wörter und Sachen. Beiheft 4). Heidelberg: Winter.

[4] HS 1918. Die romanischen Lehnwörter im Berberischen. (Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien, Phil.-hist. Kl., Sitzungsberichte, 188. Band, 4. Abhandlung). Wien: Hölder.