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Brief (146-B10_98)

Graz 9 Mai 98.

Verehrter Freund,

Wenn Ive Ihnen geschrieben hat, dass Sie in seiner Angelegenheit mir gemachten Versprechungen untreu geworden seien, so hat er zu viel gesagt, und ich habe ihm das auch vorgehalten. Ich bin über die früheren Abmachungen zwischen Ihnen und Ive durchaus nicht weiter unterrichtet gewesen; ich habe erst jetzt die vollendete und die begonnene Arbeit Ives zur Einsicht bekommen, und ich habe nicht gewusst dass diese letztere, das Wörterbuch der istrischen Mdd. mit der von Ihnen an-gedeuteten allgemein-italienischen oder gar romanischen Charakters identisch sei. Ich habe nur im Allgemeinen aus Ihren Briefen die Hoffnung geschöpft, dass Ives Arbeiten im Archivio gedruckt werden würden; als sie mir von dem Umfang der grammatischen Sprachen, habe ich Ihre darauf bezüglichen Gründe der Ablehnung vollständig gewürdigt. Nur was Sie in Bezug auf die Materie äusserten, habe ich nicht völlig verstanden; kann es denn für einen Italiener der östreichischer Staatsangehöriger ist und an einer östreichischen Universität lehrt, eine bessere Materie geben als die italianità dell'Istria?1

Das Heft mit der umfang-und gehaltreichen Arbeit von Pieri habe ich erhalten, und danke bestens dafür.2 Aber dergleichen entmuthigt mich auch; was für Hilfsmittel stehen Ihnen zu Gebot im Vergleich zu uns, wenn wir uns mit "ultramontanen" Dingen beschäftigen! Welchen ungeheuern Vorsprung die romanischen Romanisten vor uns germanischen haben, das wird man erst dann erkennen und würdigen, wenn es einmal romanische Germanisten geben wird.

Ich habe Ihnen durch H. Welter meine Brochüre Tchèques et Allemands3 zusenden lassen. Hoffentlich werden Sie nicht finden dass ich dem Prinzip der Gerechtigkeit gegen andere Nationen, dem ich stets gehuldigt habe, untreu geworden bin. Beiläufig gesagt, die Italiener des Trentino hätten nicht, um regionaler Interessen willen, sich auf die Seite Badenis stellen sollen; sie haben von dem "Primat der deutschen Sprache", gegen das sie protestiren, Nichts zu befürchten.4 Und wenn nun ihrerseits die Fassaer (Ladiner!) aus wirthschaftlichen Gründen sich nach Bozen zu neigen, so machen die Trentiner ihnen das zum Vorwurf. Wie bedauere ich solche kleinen Misshelligkeiten und Verstimmungen, wie wünschte ich dass der Dante von Trient und der Walther von der Vogelweide von Bozen nicht trotzig sich ins Auge schauten, sondern freundschaftlich sich die Hände drückten. Die italienische und die deutsche Kultur dürfen nicht in Gegensatz zueinander gebracht werden!

Ich sende Ihnen diesen Brief nach Mailand. Wie ich Ihnen schon sagte, glaub ich nicht dass Sie sich die Briefe nachschicken lassen; aber ich vermuthe Sie jetzt nicht mehr in Rom.

Mit herzlichem Grusse Ihr ergebenster HUGO SCHUCHARDT


[1] Vgl. 143-00310.

[2] Vgl. 143-00310.

[3] Hugo Schuchardt: Tchèques et Allemands, Paris, 1898 (Brevier-/Archivnr. 324). - H. Welter war Schuchardts Verleger in Paris.

[4] Kasimierz Badeni (1846 - 1909), österreichischer Innenminister und Staatskanzler. Zum Problembereich vgl. Robert A. Kann: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie 1, Graz-Köln, 1964; 193-197, 270-273. - Kann schreibt 272: "Im Hinblick darauf, daß Verwaltungsbeamte deutscher Nationalität in Tirol in keiner Weise die Abneigung zeigten, sich der zweiten Landessprache zu bedienen, wie dies etwa in Böhmen und Mähren gegenüber den Tschechen und in der Südsteiermark gegenüber den Slowenen der Fall war, schien auch in sprachlicher Beziehung die Situation verhältnismäßig günstig."