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Postkarte (144-K10_50)

Verehrter Freund!

Ihr Brief hat mich - soweit er I. 1 betrifft - sehr niedergeschlagen; allein ich verliere kein Wort darüber - Freudigeres meldet das P.S.; den toponomastischen Studien, der Darstellung des Maltaschen sehe ich mit Spannung entgegen, besonders aber der Erklärung einer iberischen Inschrift von Giacomino. Ich habe eben an Giacomino geschrieben damit er mir sage, welche Inschrift das ist; ich möchte wissen ob es dieselbe ist, über die ich schon vor Jahren ziemlich ins Klare gekommen bin, oder eine andere. Ich lasse ihm gern die Priorität; bei meiner Neurasthenischen Langsamkeit in der Produktion bin ich schon daran gewohnt dass mir Andere zuvorkommen. So hatte ich im vorigen Jahre herausgebracht dass das georgische Alphabet nicht erst aus Messopo Zeit stammt, sondern ebenso viel Jahrhunderte vor Chr. sich aus dem aramäischen Alphabet abgezweigt haben muss; da schrieb mir Fr. Müller2 dass er die gleiche Entdeckung gemacht habe, und seine Abhandlung darüber ist längst publizirt. - Was Sie von dem "innalzarsi a così ardui cuspoli" sagen, verstehe ich nicht; ich arbeite mit demselben Material, auf demselben Gebiete wie Sie, nur ich als Stümper, Sie als Meister. Spekulativ bin ich doch in meiner Abh. nicht.

Mit herzl. Gr. Ihr
H. SCHUCHARDT


[1] Ive; vgl. -143-00310.

[2] Friedrich Müller (1834 - 1898), Professor für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft in Wien.