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Brief (108-B5_241)

Graz 28 März 92.

Verehrtester Freund,

Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre Mittheilungen und bitte Sie nur, falls sich später in Italien ein Bearbeiter des maltaschen Arabisch finden sollte, mich (soweit das nicht ein Geheimniss sein würde) davon zu verständigen. Ich arbeite so unendlich langsam, eigentlich nur immer wenige Tage zwischen wochen-, ja monatelangen Pausen, dass ich - wenigstens aus äusseren Gründen, um |2| mich nicht gar zu bescheiden aus-zudrücken - vor jeder Konkurrenz fürchte. Desshalb flüchtete ich mich auch auf die kreolischen Inseln der Glückseligen. Von da gelangte ich zur lingua franca, über die ich schon längst ein paar Notizen zu veröffentlichen gedenke; ich war sehr angenehm überrascht, jüngst im Archivio einem Beitrag zu diesen Studien zu begegnen. [1] So wurde ich nach Pantelaria oder wie diese Insel sich sonst schreiben mag, geführt; und wenn über den dortigen Jargon durch Vermittlung von Gelehrten nichts zu erfahren ist, so vielleicht doch Einiges, Vor- |3| läufiges durch die von Beamten; könnte man sich nicht den Namen des dortigen Höchstgebietenden verschaffen? Im Interesse der lingua franca habe ich dann mein Augenmerk auf das granadasche Arabisch, über welches uns der zu früh verstorbene Lagarde eine Arbeit versprochen hatte, sowie auf das maltasche gerichtet; im vorigen Jahre hatte ich in diesem (und in dem ägyptischen Arabisch) schon einen leidlichen Anfang gemacht. Aber ich wünschte aufrichtigst dass ein Italiener sich der Sache annähme; einem solchen liegt sie doch in jeder Beziehung näher.

Wohl aber beunruhigt mich ernstlich Giacomino's Kon- |4| kurrenz im Baskischen. Ich hatte bald nach meiner Rückkehr aus dem Baskenland eine Reihe von Arbeiten über das Baskische begonnen - lautgeschichtliche, etymologische, morphologische, syntaktische, und ich gedachte wenn es mir meine Gesundheit erlaubte, eine oder die andere in diesem Sommer zum Abschluss zu bringen. Nun benimmt mir aber der Gedanke dass das was ich gefunden habe, schon von einem Andern nicht nur gefunden, sondern auch - was mich immer die meiste Mühe kostet - aufs Papier gebracht ist, dieser Gedanke, sage ich raubt mir fast alle Lust und Kraft auf diesem |5| dornenvollen und doch so reiche Früchte verheissenden Boden weiter zu arbeiten.

Das Frühjahrswetter hat mir eine grosse Abspannung bereitet und mich an der Reise nach Amalfi verhindert. Ich gedenke nun die ersten vierzehn Tage des Aprils in Riva (Hôtel du Lac) zuzubringen, die zweite Hälfte des Monats bei meiner Mutter in Gotha (Grosse Siebleberstrasse 33). Wenn es mir möglich ist - ich bin oft der unbedingte Sklave meiner Nerven - werde ich in Innsbruck ein paar Stunden überschlagen um A. Ive's Be- |6| kanntschaft zu machen.

Mit herzlichstem Grusse

Ihr treu ergebener

H. SCHUCHARDT.



[1] G. Grion: Farmacopea e lingua franca del dugento, in: AGI 12 (1890-92), 181-186.