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Brief (068-B5_94)

Graz, 31 Mai 1886

Hochverehrter Freund,

Das gewöhnliche Sciroccoleiden und daneben ausnahmsweise dringliche Arbeiten haben mich spät zur Lektüre Ihrer beiden kostbaren Briefe und noch später zum Dank für deren Uebersendung kommen lassen. Sie haben da wieder einen so reichen Strauss von Neuem und Schönem zusammengebunden dass in demselben auch manches Alpenblümlein Platz gefunden hat welches ich für hinlänglich verborgen hielt um es gelegentlich pflücken zu können (wie jenes vom Ladinischen aufs Frankoprovenzalische hinübergreifende k = ụ, ị).

Eine Distel aber - verzeihen Sie es meiner freundschaftlichen Aufrichtigkeit dass ich es sage - haben Sie nicht einmal nennen wollen, ich meine meine antijunggrammatische Schrift obwohl Sie sich auf lauter Dinge die durch sie unmittelbar veranlasst worden waren wie die Auseinandersetzungen zwischen G. Paris und M. Bréal (welcher Letztere meinen Ansichten beistimmte) in der Akademie2, die Recension V. Henrys und meine Erwiderung darauf, bezogen haben.3 Ich brauche Sie wohl kaum zu versichern dass hier nicht meine verletzte Eitelkeit spricht, sondern nur der Wunsch Sie - auf dessen Urtheil ich ja am Allermeisten gebe - zu meiner Betrachtungsweise irgendwie Stellung nehmen zu sehen, eine zustimmende, berichtigende, abweisende. Sie scheinen allerdings die principielle Verschiedenheit zwischen den Junggrammatikern und uns Andern als eine nicht wirklich existierende zu betrachten; aber Sie wissen doch dass in dieser Beziehung von der einen wie der andern Seite her sich Widerspruch erhebt und dass insbesondere ich gegen die conclusioni cortesi V. Henry's, insofern sie in ultima analisi annientano la controversia energisch protestiert habe.4 Übrigens stellen Sie meine qualche mordacità in einen gewissen Gegensatz zu diesen concl. cortesi, während doch Alle die sich darüber geäussert haben, und vor Allen V. Henry selbst den Ton meiner Erwiderung vollständig cortese gefunden haben. Kurz ich empfange durch Alles den Eindruck dass Sie missbilligen und doch die Missbilligung nicht aussprechen wollen. Und Sie wissen doch wahrlich wie ich Sie verehre und stets bereit bin von Ihnen zu lernen, auf Sie zu hören.

Ich bedauere um so mehr, mich in diesem Frühjahr nicht mündlich mit Ihnen haben aussprechen zu können; als wir am Gardasee waren, lauteten die Nachrichten aus Italien ungünstig genug, sodass die Errichtung einer Quarantäne auf östreichischer Seite befürchtet wurde.5 Seien Sie, verehrtester Freund, meiner unwandelbaren Gesinnungen versichert

Ihr ganz ergebener
HUGO SCHUCHARDT


[1] Schuchardt bezieht sich auf Ascolis Lettere glottologiche, die, mit einer Nachschrift versehen, im AGI nochmals abgedruckt wurden: G. I. Ascoli: Due recenti Lettere glottologiche e una Poscritta nuova, in: AGI 10 (1886-88), 1-108. Vgl. v. a. 33 f.

[2] Vgl. dazu Revue critique d'histoire et littérature 21 (1886), 120.

[3] Victor Henry: Ueber die Lautgesetze, gegen die Junggrammatiker, von Hugo Schuchardt, in: Revue critique 21 (1886), 221-226. - Hugo Schuchardt: Sur les lois phonétiques. Réponse à M. V. Henry, in: Revue critique 21 (1886), 294-300 (Brevier-/Archivnr. 188).

[4] Vgl. dazu AGI 10 (1886-88), 72; vgl. auch Anm. 2.

[5] Vgl. 067-00257.