Vita

Hugo Ernst Mario SCHUCHARDT wurde am 4. Februar 1842 in Gotha (Thüringen) als Sohn von Ernst Julius Schuchardt, einem herzoglichen Notar, und dessen aus der französischen Schweiz stammenden Frau Malvine von Bridel-Brideri geboren.

Er verbringt seine Schulzeit und Jugend in Gotha, wo er 1859 das Abitur am dortigen Gymnasium Ernestinum ablegt. Aus jenen Jahren berichtet er gelegentlich in Briefen. Im gleichen Jahr beginnt er das Studium der Rechtswissenschaften in Jena, aber bereits im Sommersemester 1860 wechselt er die Studienrichtung und wendet sich der Philologie zu, ab 1861 setzt er sein Studium an der Universität Bonn fort. Schuchardt hat bei einigen der Großen seiner Zeit studiert, zu seinen damaligen Jenenser Professoren zählen v.a. August Schleicher und Kuno Fischer, in Bonn hört er Vorlesungen bei Friedrich Ritschl und Otto Jahn.

1862 schließt Schuchardt sein Studium ab und promoviert 1864 in Bonn mit einer Dissertation zum Thema "De sermonis Romani plebei vocalibus" (Nr. 1). Die dreibändige deutsche Version "Der Vokalismus des Vulgärlateins" erscheint in den folgenden Jahren 1866-1868 (Nrn. 2a, 2b, 2c). In diese Jahre fällt auch ein mehrmonatiger Aufenthalt in Genf, sowie ein mehr als einjähriger Studienaufenthalt in Rom 1968-69.

1870 wird Schuchardt an der Universität Leipzig mit der Habilitationsschrift "Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen" (Nr. 5) und der berühmten Probevorlesung "Über die Klassifikation der romanischen Mundarten" (Nr. 352) habilitiert. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Schuchardt in jungen Jahren nicht nur den Grundstein zu seinem Oeuvre gelegt, sondern er hat sich schon einige der wesentlichen Arbeitsgebiete erschlossen, denen er sein Leben lang treu bleiben wird. So nimmt es nicht wunder, daß die Leipziger Probevorlesung, eines seiner Meisterwerke, erst 30 Jahre später erscheint und in diesen Jahrzehnten weder an Aktualität noch an innovativer Kraft eingebüßt hat.

1873 wird Schuchardt Professor für Romanische Philologie an der Universität Halle, einer Hochburg der Junggrammatiker. In diesen Jahren widmet er sich vorwiegend klassisch romanischen Themen mit stark historischer Ausrichtung und beginnt die schon in den frühen Publikationen angelegte Erforschung von Sprachkontakt und Sprachmischung zu vertiefen.

1876 übernimmt Schuchardt auf Betreiben von Johannes Schmidt, der allerdings selbst bald seine Grazer Stelle verläßt, die Professur für Romanische Philologie in Graz, "la ville des Grâces aux rives de l'Amour" (Schuchardt). 1877 wirkt er mit zahlreichen renommierten Gelehrten an der Gründung der Diezstiftung mit (Nrn. 90, 91, 92), bzw. tritt in Auseinandersetzung mit dieser. In den 70er Jahren führen ihn zwei längere Reisen nach Wales (1875) und nach Spanien (mehrere Monate im Jahre 1879). Auf diesen Reisen sammelt er nicht nur das Material für zahlreiche neue Veröffentlichungen (vgl. die zahlreichen keltischen Studien dieses Jahrzehnts), er knüpft auch Bekanntschaften, die für sein Leben erhalten bleiben. Neben seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Keltologie dürften auch seine aktiven Sprachkenntnisse, wie man wiederum der Korrespondenz z.B. mit John Rhys entnehmen kann, durchaus beachtlich gewesen sein. 

In den 1880er Jahren kommen zwei neue Forschungsfelder hinzu: Kreolistik und Baskologie. Die originelle und führend konstitutive Rolle, die er in wissenschaftlicher wie auch in wissenschaftsorganisatorischer Hinsicht für die Kreolistik einnahm, führte dazu, daß er aus späterer Sicht immer wieder als einer der Gründungsväter der Disziplin eingestuft wurde. Seine Kreolischen Studien, aber auch die Arbeiten zu den romanisch basierten und englisch basierten Kreolsprachen aus dem folgenden Jahrzehnt, sowie verschiedene Einzelarbeiten, sind wegweisend. Doch Sprachmischung, um bei einem Schuchardtschen Terminus zu bleiben, ist für ihn auch auf dem europäischen Kontinent zu einem wichtigen Forschungsthema geworden: Für sein Buch "Slawo-Deutsches und Slawo-Italienisches" (1884, Nr. 161) erhält er den Prix Volney. In die 80er Jahre fallen aber noch zumindest drei bemerkenswerte und weitreichende wissenschaftliche Ereignisse: Schuchardt engagiert sich, nicht zuletzt mit seiner Schrift (1888) "Auf Anlass des Volapüks" (Nr. 206), für die Diskussion und Schaffung einer künstlichen Weltsprache. Aber wichtigere Auswirkungen im engeren linguistischen Sinne hat die bis heute im internationalen Kontext unmittelbar mit seinem Namen verbundene Fundamentalkritik an der damals herrschenden linguistischen Schule der Junggrammatiker, die 1885 unter dem Titel "Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker" in Berlin erscheint (Nr. 172). In den späten 80er Jahren beginnt Schuchardt seine Karriere als Baskologe. Seine romano-baskischen Veröffentlichungen beginnen 1887, aber schon seit 1872 verkehrt er brieflich mit L.L. Bonaparte (Nr. 580). Dieser vermittelt ihn schließlich in das (unter Philologen) bekannte nordbaskische Pyrenäendörfchen Sara (Lapurdi, Hegoalde), wo Schuchardt 1887 vier Monate verbringt und sich nach Aussagen seiner Zeitgenossen auch passable aktive Baskischkenntnisse aneignet (vgl. z.B. die Briefe an seinen Baskischlehrer A. Etcheverry). Es wird dies die einzige Baskenreise seines Lebens bleiben, obwohl er der Erforschung dieser Sprache bis zu seinem Tod verbunden bleibt. Schuchardts Oeuvre zählt immerhin mehr als 100 baskologische Veröffentlichungen (vgl. dazu die verschiedenen Nachrufe in baskischen Medien).

Den Gegenstandsbereich der Romanistik hat Schuchardt mit diesen beiden Forschungsfeldern (Kreolistik und Baskologie) wesentlich und programmatisch erweitert. Die Blut und Boden-Defintion, die bis heute das Fach in der Praxis dominiert, hat er in seinem Oeuvre überwunden. Die Fruchtbarmachung dieser beiden Felder für die klassische Romanistik wurde nach ihm zwar kaum mehr ernsthaft bestritten, doch blieb es zumeist bei Lippenbekenntnissen und gerade die neuen Studienpläne, die von einer nur scheinbar (jedenfalls nicht wissenschaftlich) integrativen EU diktiert werden, fallen in ihrem Fachverständnis weit hinter schon errungene Positionen zurück. Von einigen modernen Forschern, die sich selbst intensiv mit Schuchardt beschäftigt haben, wurden in den letzten Jahrzehnten analoge Forschungsfelder (z.B. über das maurische und jüdische Spanien) gerade unter Bezug zu Schuchardts Arbeiten zum Kontakt zwischen der Romania und Nordafrika, für die Romanistik fruchtbar gemacht. So war es für ihn natürlich klar, daß das Baskische nicht genealogisch eine romanische Sprache ist, aber ebenso klar war es, daß 2000 Jahre Sprachkontakt und gemeinsame Sprachgeschichte sehrwohl ein Gegenstand auch romanistischer Forschung zu sein haben. 

In den 1880er Jahren gilt Schuchardt als eine der bestimmenden Figuren im Fach und seine Reputation erreicht wohl den ersten Höhepunkt; so erhält er zwei universitäre Rufe, nach Budapest und nach Leipzig, lehnt diese aber ab.

Seine baskischen Studien sind immer auch mit klassisch Schuchardtschen Fragestellungen verbunden, nämlich nach Verwandtschaft und Herkunft, sowie nach Sprachkontakt und Sprachmischung des Baskischen. So kommt es ab den 90er Jahren verstärkt zur Beschäftigung einerseits mit dem Kaukasischen, dem Berberischen, dem Hamitischen und verschiedenen anderen Sprachen, deren Verwandtschaft zum Baskischen irgendwo in der Literatur insinuiert wurde, aber auch zu Fragestellungen, die sich aus Vergleichen dieser Sprachen nahelegen, wie die Studien zur Passivität des Ergativs. Auch die kaukasischen (kharthvelischen) Studien waren für Schuchardt alles andere als marginal. Nicht nur konnte er Georgisch, er sammelte wertvolle Manuskripte, ließ bei Perthes eine besprachte Karte des Südkaukasus stechen und beschäftigte sich in mehreren Publikationen mit dem Georgischen.  

Andererseits begibt sich Schuchardt aufs Glatteis der Vasko-Iberischen These, er ist wahrscheinlich der letzte große Vertreter dieser schon seit und auch vor Humboldt vertretenen Annahme, das Baskische stünde in einer wie immer gearteten Verwandtschaftsbeziehung zum Iberischen. Es ist dies eines der Felder, wo Schuchardt, der noch zu Zeiten seiner Veröffentlichung "Die iberische Deklination" (1907, Nr. 528) ernsthafte Argumente zu liefern imstande war, sich später in verbissener Form darauf versteift, entgegen aller wissenschaftlichen Evidenz, seine überkommenen Thesen retten zu wollen; und dies sogar noch nach der Entdeckung der Bleitafel von Alcoy, dem definitiven und widerspruchsfreien Durchbruch der Ablehnung des Vaskoiberismus (Nrn. 751, 748).

Im Jahre 1900 zieht sich Schuchardt nach ausverhandelten 25 Dienstjahren von seiner Professur zurück und geht in Pension. Über seine Tätigkeit als universitärer Lehrer gibt es unzählige Anekdoten, die z.T. auch in den Würdigungen und Nachrufen erwähnt sind. Er unternimmt in den Folgejahren noch mehrere ausgedehnte Reisen, so nach Süditalien (sieben Monate, 1901) Ägypten (vier Monate, 1903) und Skandinavien (vier Monate, 1904) und baut im doch schon respektablen Alter von 64 Jahren in der Johann-Fux-Gasse Nr. 30 in Graz eine architektonisch bemerkenswerte Villa, für sich und seine Bücher. Diese Villa benennt er nach seiner Mutter Malwine und bringt sie nach seinem Tode in die gleichnamige Stiftung ein, der sie bis heute gehört.

Das siebte und achte Lebensjahrzehnt Schuchardts ist eine Phase der Reife, in der die provokanten Neuerungen weniger werden, wo aber nichtsdestotrotz die klare Linie des stringenten Denkers und Stilisten sich fortsetzt, die intellektuellen Ansprüche vermindern sich keineswegs, die Gegenstände der Arbeit werden zunehmend auch allgemeiner und sprachphilosophischer, ideologiekritischer und die Perspektive altersgemäß breiter. Dennoch entstehen immer noch einige minutiös empirische Arbeiten, zumeist unter Verwendung früher gewonnener Aufzeichnungen — diese nun aber vorwiegend zum Baskischen. Auch hier gelingt es ihm, z.B. in seiner Beschreibung des Dialekts von Sara, Thesen aufzustellen, etwa zum tonalen Charakter des Akzents, die 100 Jahre später in der Literatur wieder ernsthaft diskutiert werden.

Im Zuge des 1. Weltkriegs vertritt Schuchardt stark nationalistische Positionen, trotz intensiver Diskussionen mit Weltkriegsgegnern wie Leo Spitzer legt er sich 1914 für das Manifest der 93 ins Zeug, und verdirbt damit den Boden einer gemeinsamen Diskussion auch mit liberaleren Fachvertretern im kriegsbeteiligten Ausland. Er selbst formuliert es als tiefe Enttäuschung durch den italienischen Irredentismus und den französischen, portugiesischen usw. Nationalismus. Er wendet sich immer mehr von romanistischen Themen ab und stellt zeitweise seine wissenschaftlichen Kontakte zu einzelnen Kollegen dieser Länder ein. Es gelang ihm kaum mehr, mit der resultierenden Isolation, die ja in diesen Jahren weit um sich griff, gänzlich fertig zu werden. Die Stärkung der Kontakte zu Kollegen aus im Krieg neutralen Ländern wie der Schweiz und Spanien prägte die Folgejahre.

Zum achtzigsten Geburtstag gibt Leo Spitzer 1922 als Geschenk der Schweizer Kollegen das "Hugo Schuchardt Brevier. Ein Vademecum der allgemeinen Sprachwissenschaft" heraus. Die wesentlich (auch durch des Jubilars Zutun) verbesserte zweite Auflage dieses recht schnell vergriffenen Werks erlebt Schuchardt nicht mehr. Er stirbt am 21. April 1927 in seiner Villa Malwine in Graz. Noch um seine sterblichen Überreste ranken sich Gerüchte (siehe in "Lebensdokumente" unter "Schuchardts Tod: davor und danach" den ausführlichen Bericht von Franz Mairhuber.

Schuchardt war Mitglied bzw. Ehrenmitglied zahlreicher Akademien und wissenschaftlicher Institutionen. Einen Überblick davon gibt seine unten angeführte Todesanzeige.

Die Schuchardtsche Referenzbibliographie, der auch die hier verwendete Anordnung seiner Schriften sich anschließt, ist chronologisch und gibt somit einen systematischen Überblick über die zeitliche Entwicklung und die Schwerpunkte seines Schaffens. Ihr liegt die Bibliographie aus dem Schuchardt Brevier zugrunde (Details siehe unter "Werk").

Im folgenden sind die Würdigungen zu Schuchardts späten runden Geburtstagen, sowie die Nachrufe eingescannt. Nicht alle sind gleichermaßen bedeutend, aber sie mögen ein Ausdruck für den Bekanntheitsgrad Schuchardts sein. Exemplarisch sei die große Würdigung in der NZZ anläßlich seines 70. Geburtstages genannt. Welchem Sprachwissenschaftler nach ihm, und ob überhaupt je jemandem als nächstem diese Ehre und Aufmerksamkeit zuteil werden wird, ist schwer zu beurteilen. Der biographisch ausführlichste, informationsreichste und verläßlichste Nachruf ist mit Sicherheit jener von Elise Richter. Nicht nur hat sie Schuchardt persönlich gekannt, ihm zu Lebzeiten ihre ganze Wertschätzung entgegengebracht, so wie umgekehrt ihr sein positives Urteil zuteil wurde (obwohl sie Schülerin von Mussafia, dann Mitarbeiterin von Meyer-Lübke in Wien war). Sie kannte auch sein Umfeld und hat unmittelbar nach seinem Tod mit ihren Recherchen zu dem ausführlichen Nekrolog für Schuchardt begonnen. Sie wußte in der Tat, all diese Materialien, die später von zahlreichen Autoren weiterverwendet wurden, in eine passende und würdevolle Form zu bringen. Kritisch ist allerdings anzumerken, daß die Nachrufe von Richter zwar das große Positivum des biographischen Details besitzen, dies aber klar zu Lasten einer wissenschaftlichen Würdigung oder Auseinandersetzung geht. Die Rolle Richters wurde in der Briefdatenbank schon teilweise aufgearbeitet. Die am stärksten wissenschaftlich autobiographischen Schriften Schuchardts sind jene über "Individualismus in der Sprachforschung" (1925, Nr. 767), sowie etwas stärker ideologisch gefärbt "Bekenntnisse und Erkenntnisse " (1919, Nr. 722), sowie "Aus dem Herzen eines Romanisten" (1915, Nr. 675), sowie einzelne Bekenntnisbriefe an jüngere Fachkollegen wie Julio de Urquijo oder Jakob Jud.

Links zur Vita von Schuchardt

Deutsche Biographie: http://www.deutsche-biographie.de/sfz116861.html

Österreichisches Biographisches Lexikon: http://www.biographien.ac.at/oebl?frames=yes

viaf: http://viaf.org/viaf/61653646/

Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D118611046

Wikipedia Personensuche: https://tools.wmflabs.org/persondata/p/Hugo_Schuchardt