Schuchardts Tod und danach.
Die Briefe Franz Mairhubers an Elise Richter

Einleitung

Schuchardt ist, wie andere wenig stromlinienförmige Figuren der Wissenschaftsgeschichte, auch über seinen Tod hinaus Anlaß für Mythen und Erzählungen. Immer noch erreichen uns einschlägige Anfragen mit der Bitte um Klärung und Information. Es ist fast schade, diese Geschichten zu entkräften, sie werden sich vielleicht, entsprechend anderen urban myths, dennoch fortsetzen. Die bekannteste Mär rankt sich um das lebenswichtige, alles repräsentierende Organ, Schuchardts Herz. Der Meister habe verfügt, man solle ihm das Herz nach dem Tod entnehmen, um der Angst einer Einäscherung bei lebendigem Leib zu begegnen. Das Herz, so fährt die Geschichte fort, sei danach in einem eigenen Behältnis, einem Kelch, in der Villa herumgestanden, bis dieses nach intensiver Geruchsentwicklung in den 50-er Jahren zu der schon in der Villa Malwine eingemauerten Urne gestellt worden sei.

Den ausführlichsten biographischen Aufsatz, der weit über das hinausgeht, was man herkömmlich als Nekrolog bezeichnet, stammt von Elise Richter (1928). Sie hatte auch über das Wissenschaftliche hinausgehende Kontakte mit einigen Freunden von ihm (insbesondere Adolf Mussafia, aber etwa auch Leo Spitzer und Krystoffer Nyrop). Richter widmet sich kaum wissenschaftlichen Aspekten von Schuchardts Wirken, dagegen sammelt sie biographische Daten. Die Materialien, die sie für Ihren Aufsatz studierte, erwähnt sie in der ersten Fußnote ihrer Arbeit. Dort dankt sie unter anderem Franz Mairhuber. Dieser war, gemeinsam mit seiner Frau, wohl die wichtigste Bezugsperson für Schuchardt im Alltag und eine wichtige Informationsquelle für Richter. Die oft zu lesende Behauptung, die Mairhubers wären Schuchardts Haushälter oder mayor domo gewesen, oder hätten sonst in einem Dienstbotenverhältnis gestanden, stimmt nicht. Unmittelbar nach dem Tod Schuchardts korrespondierte Richter mit Franz Mairhuber, der, gemeinsam mit seiner Frau, zu Lebzeiten die wahrscheinlich intensivste Beziehung zu Schuchardt hatte (Karola Mairhuber bereits seit 1901, Franz Mairhuber seit 1908; seit 1914 lebte die Familie Mairhuber zusammen mit Schuchardt in der Villa Malwine). Im folgenden werden die Briefe von Franz Mairhuber an Elise Richter reproduziert. Sie sind ein informatives, aber auch ein berührendes Zeichen einer tiefen Beziehung, sie geben viele Informationen zu Schuchardt, seinem Charakter, einigen Eigentümlichkeiten, aber sie enthalten auch eine ergreifende Darstellung der letzten Tage und Stunden vor seinem Tod. "Er sah mich voller Wehmut an das auch ein festes Männerherz weich werden mußte" zeigt innigliche Beziehung der Familie Mairhuber zu Schuchardt.

Der Briefstil von Franz Mairhuber wurde heutigen orthographischen und grammatikalischen Erfordernissen nicht angepaßt, weil er meines Erachtens Teil der Erzählung und auch illustrativer Teil und Besonderheit dieser Freundschaftsbeziehung ist. Die Dokumente liegen uns zum Teil in Handschrift vermutlich von Frau Mairhuber, zum Teil maschinschriftlich vor, jeweils von Franz Mairhuber unterschrieben.

Die den politischen Verhältnissen der NS-Zeit geschuldete Zersplittertheit des Nachlasses von Elise Richter ist einzig der Grund, warum Teile dieser zusammenhängenden Brieffolge in der Österreichischen Nationalbibliothek liegen, der Großteil aber in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek im Wiener Rathaus ("Wienbibliothek"). Den genannten Einrichtungen sei für die Erlaubnis der Verwendung der Dokumente gedankt.

In den Briefen Mairhubers gibt es übrigens keinen Hinweis auf die Richtigkeit der eingangs erwähnten Herz-Geschichte, aber jede Menge Gegenevidenz.

Briefe von Franz Mairhuber an Elise Richter

Lfd. Nr. 01
Wienbibliothek Nr. 232.527
Brief, Handschrift (Kurrent), Unterschrift Franz Mairhuber, Graz
Empfänger: Elise Richter, Wien
Ort: Graz
Datum: 19. März 1927

Graz, 19. /III. 1927.

Hochgeschätzte Frau Professor !

Die in Ihrem geschätzten Schreiben an mich gestellten Fragen Schuchardt betreffend kann ich nur zum kleineren Teile beantworten.

Aber um Ihnen Gelegenheit zu geben, sich aus Briefen des H. Sch. und dem von seiner Mutter bis zum Jahre 1867 geführten Tagebuch über ihn Notizen machen zu können, wäre ich bereit Ihnen das ganze Material zur Verfügung zu stellen und Ihnen dies zusenden wenn es wünschenswert. Da müßte ich aber im Namen des Verstorbenen Wert darauf legen, daß einer dritten Person kein Einblick gewährt werde. Es ist dies so der Wunsch Sch den ich zu halten ihm auch versprochen. Sie würden in diesem Material |2| alles von seiner frühestens Kindheit an bis zum Jahre 1898 alles für Sie etwa erforderliche finden. Es ist ein Tagebuch wie schon erwähnt, alle Briefe von seinen Eltern resp. Mutter, dann Aufsätze, Gedichte u. s. w. Außerdem würde ich seine engeren Studienkollegen betreffenden Bilder mit Namen versehen beilegen. Es lebt von all diesen Herrn Niemand mehr, dies mir Sch. oft sagte. Über seinen Studiengang erzählte er nie besonderes, nur erwähnte er wie er ungarisch lernte, daß er nach 4 Tagen d.h. nach 4 Lektionen seinen Lehrer über war und ihm in manchen berichtigte. Er lernte jede Sprache leicht und in sehr kurzer Zeit. Von seinem Studentenleben erzählte er des öfteren, daß einmal eine Kneipe, wo auch ein Prinz teilnahm, in eines Bäckers Mehlkammer abgehalten wurde. Dann hatten sie einen großen Korpshund, so wie die Hunde Bismarks, diesem gaben sie einmal sehr viel Rizinusöl ein und verschlossen den Hund im Zimmer des Korpsbruders das er entsetzlich |3| verunreinigte.

Schuchardt's Alltagsleben war genau eingerichtet, er stand um die genau (?) Stunde auf und suchte auch immer um dieselbe Stunde die Nachtruhe. Eine Ausnahme bildete es, wenn er mit uns Karten spielte.

Sch. nahm stets zur vereinbarten Stunde die Mahlzeiten ein und sollte die genaue Zeit nicht überschritten werden.

Sch. war auch wohltätig und gab bei verschiedenen Anlässen und über Ersuchen von Körperschaften. Freiwillig unterstützte er ab und zu das Blindeninstitut und bedauerte die darin wohnenden Blinden sehr. Letzterer Zeit aber begünstigte er eine Taubblinde mehr als die übrigen. Dieses Frl. machte die Reise mit uns über Mariazell nach Wien wofür Sch. für dieses Frl. die Reise bezahlte. Auch in der Kriegszeit gab er soweit es ihm möglich. Denn es kam einmal für ihm eine |4| böse Zeit wo er mit seiner Pension nicht mehr das Auslangen fand, natürlich waren wir, die da halfen, über diese Zeit hinweg zu kommen. Die Liebe zu ihm machte es uns zur Pflicht. Sch. nahm an den Schicksalen anderer regen Anteil und wenn man ihm von dem und jenem erzählte er hatte stets Mitleid. Wußte man ihm aber vom Glück eines andern zu erzählen hatte er gewiß keinen Neid und gönnte das Glück.

- Um uns sorgte er sich immer sehr wenn wir zufällig einen Ausflug machten ging er nie früher zur Ruhe bis wir nicht nachhause kamen. Wir sollten fast nie fortgehen, er wollte uns immer um ihm wissen. Wenn wir ein oder das andere mal in’s Theater gingen und man sagte ihm dies ein oder zwei Tage voraus, so wurde er am selben Tag wo es zum Theatergehen war krank und eines von uns mußte zuhause bleiben, dies war manchmal hart.

Sch. war ein Mensch mit Weltmännischer Bildung, hochinteligent und vornehm zu nennen. |5| Ich gehe sicherlich nicht fehl, wenn ich hinzufüge, Sch. genoß durch seine Mutter eine höfische Erziehung. Er war heiter, lustig, sang schon am morgen und auch des Tags über er war nicht schweigsam zu nennen. Nur wenn er ihm Gedanken der Wissenschaft und seiner Arbeiten versunken war da hatte er kein Ohr für andere. Oft sagte er, er will bei seiner Arbeit nicht gestört werden, u. es kam zuweilen vor, Besuche abweisen zu müssen. Sch. war ein Menschenkenner und trafen beinahe immer seine Ansichten hierüber zu.

Sch. besuchte im Anfange seines Grazer Aufenthaltes sehr viel das Theater u. verkehrte gerne auch in Künstlergesellschaften, wie er auch in der hochadeligen Gesellschaft ein gerne gesehener Gast war; auch in Bürgersgesellschaft war er zu finden. Ab 1915. kam er nur mehr selten, und dies nur für einen kurzen Spaziergang fort.

|6| Um wirtschaftliche Verhältnisse kümmerte er sich nie, er lebte nur der Wissenschaft.

Eigenheiten hatte Sch. so manche, die zu erzählen, oder gar der Öffentlichkeit mitzuteilen, ihm sicherlich nicht recht wäre. Diese Eigenheiten betrafen hauptsächlich seine Lebensgewohnheiten. Z.B. mußte ich ihm des Nachts in seinem Zimmer einschließen und den Schlüssel zu mir nehmen u.s.w. Pedantisch war er nur auf seine Bücher, aber auf Kleider und Wohnungsgegenstände nicht, für dies hatte er keinen Sinn. Auch Pünktlichkeit war er gewöhnt, es mußte alles auf die Minute sein.

Nun ich erwarte Ihre Nachricht, ob ich Ihnen das ganze Material /:15 Kilo:/ senden soll, oder ob Sie es eher vorziehen, selbst hieher zu kommen. Im Falle ich es senden soll, bitte ich heute schon um vollständige Rückstellung der Gegenstände um das Sch. gegebene Versprechen einhalten zu können.

Ich selbst fände nicht die Zeit, dies alles durchzugehen, um Ihnen gesch. Frau Professor |7| ein klares Bild geben zu können.

In aller Wertschätzung zeichnet in Ergebenheit

F.Mairhuber


Lfd. Nr. 02
Österreichische Nationalbibliothek, Nachlaß Elise Richter, Mappe 266/27, 1. Beilage
Brief, Typoskript, Unterschrift Franz Mairhuber
Empfänger: Elise Richter, Wien
Ort: Graz
Datum: 14. Mai 1927

Ihrem Wunsche entsprechend berichte ich nachfolgend über die letzten Lebenstage des Herrn Hofrates S c h u c h a r d t und zwar:

Schuchardt war seit 13. September 1926 an Altersschwäche und an einer kleinen Gehirnblutung, die sich aber wieder aufsaugte, krank und bettlägerig. Sein Zustand besserte sich soweit, daß er allein aber mit Mühe das Bett verlaßen konnte und sich für kurze Zeit außer diesem sitzend aufhalten konnte. Er versuchte sogar noch eine Besprechung über das von Pat. Albert Drexl erschiene[ne] Buch die Frage nach der Einheit des Menschengeschlechtes im Licht der Sprachforschung abführen zu können, aber er kam kein einzigesmal so oft er auch beginnen wollte über den Anfang nicht hinaus. Er war dazu geistig nicht mehr ganz fähig. Er versuchte ab und zu auch Briefe und Karten zu schreiben welche beinahe jedesmal durch meine Wenigkeit ergänzt werden mußten. Eine solche Karte schrieb er auch Ihnen noch und eine an Prof. Sarnizse in Tiflis, dies war seine letzte schriftliche Arbeit. Er war die ganzen Monate immer heiter, man trachtete ihm heiter zu erhalten, nur manchmal war er etwas verdrießlich dies aber immer bald der guten Laune und Heiterkeit Platz machte. Er las Romane und auch in wissenschaftlichen Werken u. zw. in seinem noch in allerletzter Zeit angeschaften Buche die Sprachfamilien und Sprachenkreise der Erde von P. W. Schmidt (erschienen in Heidelberg), kam aber nicht mehr so recht vorwärts weil er das gelesene immer vergaß. Zeitungen, Briefe Romane und andere Bücher las ich ihm des öfteren vor und so verbrachte er abwechselnd die Zeit vom September 1926 bis 19. April 1927 an welchem Tage Schuchardt plötzlich um 4 Uhr nachm. eine neuerliche Gehirnblutung erlitt und diese andauerde. Er war sich des Ernstes der neuerlichen Erkrankung nicht bewust, weil man ihm davon nichts sagte um ihm ja keine unnützen Aufregungen zu versetzen. Ich kam an diesem Tage um ½ 5 Uhr nachm. aus dem Büro zurück und war wie immer mein erster Weg den Herrn Hofrat zu besuchen. Wie er mich sah war er recht erfreud und ersuchte mich ihm die Füllfeder zu richten weil er wieder an die schriftliche Arbeit gehen wollte. Ich sagte ich ginge vorher gerne zu Tisch und werde nachher sofort alles zum Schreiben vorbereiten. Ich redete ihm zu unterdessen eine kleine Jause zu nehmen dies er auch tat. Ich gab ihm diese und ging zu Tisch. Während dessen ging meine Frau zu ihm um zu sehen was er tat, man mußte ihm doch auch beim essen behiflich sein. Sie kam bald zurück und sagte Herr Hofrat bringt die Jause schwer aus dem Munde, es war ein Kuchen. Gleich nach Tisch ging ich zu ihm um die Feder zu richten und da merkte ich, das Hofrat immer nach der rechten Seite sehe, ich sprach mit ihm und bat ihm er möge für diesmal das Schreiben lassen und ein andermal fortsetzen, darauf ging er ein. Da ich aber erkannte das es mit ihm nicht seine Richtigkeit habe, ließ ich sofort den Arzt rufen der auch sogleich kam und eine Gehirnblutung feststellte. Er gab verschiedene Anordnungen die ich auch durchführte. Im sonstigen Benehmen war noch keine Aenderung zu merken und gab mir zur Beunruhigung keinen Anlaß. Er plauderte mit mir und um ½ 6 Uhr abend sagte er zu mir ich möge ihm die Füllfeder einpacken weil er diese mitnehmen will. Ich gieng natürlich darauf ein obwohl ich diesen auftrag für sonderbar hielt. Dann später sagte er, er muß meiner Frau, die stets sagte auf Widersehen wen sie von ihm fortging, noch lernen wie dies auf ungarisch, das eine so schöne Sprache ist, heißt. Es würde vom ungarisch in’s deutsche übersetzt dann heißen, ich komme wieder zurück. Um 7 Uhr abend aber wurde er unruhig und verlangte des öfteren aufs Zimmerklosset und später stellten sich auch noch die Brechreize ein. Ich blieb bei ihm und richtete mir zum ruhen eine Gelegenheit ein aber Hofrat bat ich möge bei ihm bleiben und ihm nicht zu verlassen weil ich doch sein Liebster und zugleich auch Schutzmann bin. Ich verbrachte folgedessen die ganze Nacht sitzend neben ihm zu. Ich machte ihm nach Anordnung des Arztes die Umschläge auf Herz und Kopf muste aber um 5 Uhr morgens den Arzt rufen lassen weil auch eine sehr starke Atemnot einsetzte. Ich bat den Arzt er möge den Hofrat eine Injektion geben damit er ruhiger werde und keine Schmerzen habe, außerdem gaben wir ihm Sauerstoffinhalationen um leichter atmen zu können. Am Mittwoch den 20. früh verlor er auch die Sprache und konnte ich ihm kaum mehr verstehen. Auf die Injektionen wurde er dann ruhiger und hielt die Ruhe beinahe den ganzen Tag über an. Am Abend bat ich den Arzt er möge dem Hofrat abermals eine Injektion geben damit er eine ruhige Nacht habe. Herr Hofrat hatte schon längere Zeit die Gewohnheit mehrere Atemzüge etwa 10. bis 15 zu machen und dann eine kleine Pause im atmen eintreten zu lassen. Dies verstärkte sich aber in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag und zwar in der Weise, daß Hofrat 7 bis 8 Atemzüge machte und dann doppelt solange aussetzte. Dies machte mir Bedenken. Ich war mit Ausnahme 2er Stunden in welcher Zeit mich meine Frau vertreten die ganzen Tage und Nächte bei ihm.

Am Donnerstag vormittag und zu Mittag noch um ½ 1 Uhr versicherte er mich wie schon öfter das ich sein Liebster ich möge nur nicht weggehen und immer bei ihm bleiben er hielt mich darob auch stets fest bei der hand, Um 2 Uhr nachmittag bemerkte ich an ihm dann eine Anderung in der Weise das die Atempausen ausblieben und er ununterbrochen ruhig fortatmete, ich ahnte aber Schlimmes und um circa 3 Uhr setzte plötzlich eine sehr starke Unruhe und Atemnot ein, ich machte ihm fortgesetzt mit Hilfe des Dienstmädchens mit einer Hand Umschläge, die eine gab er nicht frei, aufs Herz aber leider ohne Erfolg den um 4 Uhr waren wir am Ende unserer Lebenskraft und es trat der Tod ein.

Die letzte Stunde war für mich die schrecklichste weil ich den, den wir über alles lieb hatten, von uns scheiden sehen mußte. Er sah mich mit voller Wehmut an das auch ein festes Männerherz weich werden mußte.

Mit allen meinen noch vorhanden Kräften trachte[te] ich standhaft zu bleiben um ihm den Abschied für immer in den letzten Minuten nicht noch schwerer zu machen.

Für uns wurde ein Stück Lebensgewohnheit fortgenommen und verloren wir an ihm unseren allerliebsten vaterlichen Freund, die Wissenschaft aber einen Meister und Lehrer in seinem Fache.

Hofrat dürfte in der letzten Stunde wohl nicht mehr klar bei Bewustsein gewesen sein und wie der Arzt versicherte keinen Schmerz gehabt haben.

Nach dem Wunsche des Herrn Hofrates mußte alles in aller Stille vollzogen werden und so gab es keine Aufbarung und nur eine ganz stille Einsegnung worauf er zur Einäscherung nach Wien überführt wurde. Diese fand am 27. April unter meinen Beisein um ½ 12 Uhr statt und war um ½ 1 Uhr beendet. Wir können uns über den Verlust schwer trösten wir lebten doch so glücklich zusammen wie ein Vater der seine Kinder recht lieb hatte. Uns kommt aales so fremd und leer vor.

Nun seine Bücher hatte er nach einer letzwilligen Verfügung der Bibliothek der Universität in Graz zugewendt und seine Villa als eine Studentenstiftung gewidmet.

Vorläufig nur die Hälfte davon den die andere Hälfte wurde uns auf Lebensdauer legiert.

Ich glaube aber Sie mit diesem Berichte den ich eventuell kürzer faßen hätte können, sehr gelangweilt zu haben.

Zum Schluße erlaube ich mir Euer Hochwohlgeboren unserer Hochschätzung zu versichern und empfehlen uns in aller Ergebenheit

Graz, am 14. Mai 1927

Franz Mairhuber


Lfd. Nr. 03
Wienbibliothek Nr. 232.528
Brief, Handschrift (Kurrent), Unterschrift Franz Mairhuber, Graz
Empfänger: Elise Richter, Wien
Ort: Graz
Datum: 4. März 1928

Hochgeschätzte Frau Professor !

In Beantwortung der an mich gestellten Fragen teile ich nachstehendes mit.

zu 1.) Hofrat Dr. Hugo Mario Ernst Schuchardt hat von seiner Mutter sehr häufig gesprochen aber nie von Verwandten da er nach seiner Mitteilung keine ihm nahestehenden hatte.

zu 2.) Schuchardt war das einzige Kind aus zweiter Ehe seines Vaters, /:sein Vater war das erstemal mit Frl. von Reizenstein verheiratet aus dessen Ehe ein Mädchen mit Namen Malwine geboren wurde u. Stifschwester Schuchardt’s war. Diese starb im Jahre 1917. Sie war an einen Herrn von Ochsen verheiratet der ihr kinderlos im Tode voranging.

zu 3.) Der Vater Schuchardt’s ist vom 1. auf den |2| 2. Dezember 1885 gestorben. Er war herzoglicher Notar u. Amtsadvokat in Gotha, nachträglicher Justizrat. Schuchardt hat seinen Vater gekannt, lebte er doch bis zu seinem Hochschulstudium in der Familie und später auch von Zeit zu Zeit noch.

zu 4.) Schuchardt war in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen.

zu 5.) Die Mutter Schuchardt ist am 15. Juni 1899 in Gotha gestorben.

zu 6.) Die Briefsammlung Schuchardt welche Wissenschaft betrifft und auch Privatbriefe von anderen Bekannten befinden sich gleich wie seine ganze Bibliothek, darunter 5 georgische Handschriften, als Vermächtnis bei der Universitätsbibliothek in Graz. Hingegen die Familienbriefe, Verkehr zwischen Eltern u. Sohn u.d.gl. befinden sich über Wunsch des Verstorbenen in meiner Verwahrung. Letztere müssen mit unserem Ableben verbrannt werden.

zu 7.) Die Villa ist nach dem Namen seiner |3| Mutter benannt und soll das Andenken an sie darstellen. Denn er liebte seine Mutter über alles, weniger den Vater weil dieser ungemein strenge war.

zu 8.) Meine Frau stand seit dem Jahre 1901 und ich seit dem Jahre 1908 mit Schuchardt in persönlichem Verkehr und seit dem Jahre 1914 lebten wir über seinen Wunsch überhaupt mit ihm zusammen und bildeten wir eine Familie wie Vater und Kinder. Es bestanden zwischen ihm und uns keine Geheimnisse. Auch bestand zwischen ihm u. uns kein Dienstverhältnis.

zu 9.) Der Name des Vater Schuchardt's war Eduard Ernst Julius Schuchardt. Die Mutter hieß Malwine Schuchardt geborene von Bridel-Brideri und war vor ihrer Verehelichung Hofdame am Herzoglichen Hofe in Gotha.

zu 10.) Was der väterliche Großvater war u wie er hieß ist mir nicht |4| bekannt. Schuchardt hat davon nie gesprochen und auch aus den Aufschreibungen ist nichts [zu] ersehen.
Die Großeltern mütterlicher Seite hießen Samuel Elisée von Bridel-Brideri war Geheimer Legationsrat, geboren 1763, und war der Sohn eines Pfarrers in Crassier in Waadtland. Die Großmutter Luitgarde geb. von Bärenstein geb. 1787 und war die Tochter eines Altenburg’schen Rittergutsbesitzers. Der Großvater war Erzieher der beiden Söhne des regierenden Herzogs Ernst II. von Sachsen–Gotha–Altenburg an den Gothaischen Hof.

zu 11.) Der Besucherkreis Schuchardt's war in der letzten Zeit nicht mehr so groß nur die nächsten Bekannten und das waren nicht mehr viele. Auch kamen in den letzten Jahren keine Studenten mehr.

zu 12.) Seine Korrespondenz war noch immer eine ausgebreitete zu nennen u. kamen zu den bestehenden immer wieder neue Korrespondenten hinzu. Schuchardt hat nach dem Kriege die Beziehungen mit all seinen Bekannten und Freunden im In- u. Auslande wieder aufgenommen.

Nun glaube ich die an mich gestellten Fragen erschöpfend beantwortet zu haben. Sollten aber Frau Professor noch irgend Auskünfte wünschen, so bin ich gerne bereit diese zu geben wenn es im Bereiche der Möglichkeit liegt.

Fragen wissenschaftlicher Natür wären eventuell aus den Briefen oder die von Hofrat an die Universitätsbibliothek Graz abgegebenen Bücher u. Schriften dort zu erfahren.

In aller Hoch[ach]tung.

FMairhuber

Graz, 4./3. 1928.


Lfd. Nr. 04
Wienbibliothek Nr. 232.529
Brief, Typoskript, Unterschrift Franz Mairhuber, Graz
Empfänger: Elise Richter, Wien
Ort: Graz
Datum: 22. Juni 1928

Hochgeschätzte Frau Professor !

Ihre Karte vom 19. Juni 1928 beantworte ich wie folgt:

1.) Bei der Zeremonie in Wien waren Bekannte Schuchardt's, Fräulein Hilde Bauer und ihr Bruder Dr. Wilhelm Bauer aus Wien und meine Wenigkeit anwesend. Bei der Verbrennung selbst war jedoch ich alleine gegenwärtig.

2. u. 3.) Bei der Einsegnung in Graz sprach nur der Pastor und sonst Niemand. Man wollte jedenfalls Schuchardt's Wunsch es soll alles in aller Stille vor sich gehen, respektieren.

4. u. 5.) Die Asche Schuchardt's (Urne) befindet sich in unserer Verwahrung. Es sollte nach seinem Wunsche die Asche im Garten der Villa versträut werden, dies ich nicht befolgte weil mich ein schriftlicher Auftrag hiezu nicht verpflichtet. Bei gelegener Zeit werden wir die Urne eventuell in der Villa einmauern lassen oder diese später einmal nach Gotha bringen und an der Seite seiner Mutter's Urne beisetzen lassen. Ein Zeitpunkt über beides kann ich nicht angeben.

6.) Schuchardt war nach dem Jahre 1899 nicht mehr in Spanien und Südfrankreich, wohl aber in Brione zur Erholung. Ich glaube es war im Jahre 1911.

7.) Die Villa wurde in ihrer Gänze als Studentenstiftung gewidmet ].[ (Malwinenstiftung) doch kann gegenwärtig nur der erste Stock hiezu Verwendung finden, weil das Hochparterre der Villa |2| auf Lebensdauer uns zugesprochen wurde.

8.) Schuchardt wurde mit seiner Bibliothek nie pho]r[tographiert und bestehen auch sonst keine Bilder aus dem Inner der Villa.

Zu jeder weiteren Auskunft wann ich sie geben kann bin ich gerne bereit.

In ergebener Hochachtung

FMairhuber

Graz, am 22. Juni 1928.


Lfd. Nr. 05
Wienbibliothek Nr. 232.530
Brief, Handschrift, Unterschrift Franz Mairhuber, Graz
Empfänger: Elise Richter, Wien
Ort: Graz
Datum: 20. Jänner 1929

Hochgeschätzte Frau Professor !

Für die Zusendung der von Ihnen hochgeschätzte Frau Professor verfaßte Biographie nach Schuchardt, welche Sie mit großer Umsicht zusammentrugen, spreche ich hiemit meinen herzlichen Dank aus. Ich und meine Frau hatten große Freude damit und wird uns diese Schrift wie manche andere Kleinigkeiten die uns |2| der Verewigte gab, eine stette Erinnerung an ihn, den wir mehr als einen Vater liebten, bleiben.

Schließlich möchte ich mir die Bitte erlauben, mir etwa kurz mitteilen zu wollen wo diese Schrift erhältlich ist und ob Herr Professor Spitzer diese auch erhalten hat. Für diese Mitteilung wollen hochgeschätzte Frau Professor schon jetzt meinen besten Dank entgegen nehmen.

In ergebener Hochachtung

FMairhuber

Graz, Villa Malwine 20./1. 1929.


Lfd. Nr. 06
Wienbibliothek Nr. 233.265
Postkarte, Handschrift, Unterschrift Franz Mairhuber, Graz
Empfänger: Elise Richter, Wien
Ort: Graz
Datum: 1929?

Hochgeschätzte Frau Professor !

Bitte um Entschuldigung der etwas verspäteten Mitteilung.

Frau Hofrätin Cornu , Wien II. Böcklinstrasse No 98/10. hinzu möchte bemerken, daß Schuchardt mit Frau Hofrätin Cornu seit dem Tode ihres Gatten sehr wenig im Verkehre stand. Hingegen war de Azkue ein großer Verehrer Schuchardt[s] und hatte letzterer diesem das in Bilbao gegründete Schuchardtstipendium zugänglich gemacht, das]s[ Schuchardt bis zu seinem Tode bezog. de Azkue ist ein höherer spanischer Priester. Dieser schreibt und liest sehr gut deutsch.

In aller Verehrung ergebenst

FMairhuber