Akten des Habilitationsverfahrens Leipzig

Einführung

Hugo Schuchardt hat im Winter 1869 - Frühjahr 1870 an der Universität Leipzig sein Habilitationsverfahren angestrengt und absolviert. In der darauffolgenden Zeit war er der Leipziger Fakultät als Dozent verpflichtet, ließ sich allerdings zeitweise aus gesundheitlichen Gründen von der Lehre dispensieren und löste dieses Verhältnis erst mit seinem Ruf an die Universität Halle. Am Verfahren waren neben dem Dekan Georg Curtius, der die Kommission leitete, die Fachvertreter Adolf Ebert, Friedrich Ritschl und Friedrich Zarncke beteiligt.

Um dieses Habilitationsverfahren nachzuzeichnen sind verschiedene Quellen notwendig.

  • Hier werden in erster Linie die an der Universität Leipzig vorhandenen Akten zu dem Verfahren wiedergegeben. Die numerierte Abfolge der Seiten, wie im Leipziger Archiv zusammengestellt, mußte verändert werden, um die Chronologie des Verfahrens korrekt abzubilden.
  • Ziagos (2013) hat die Korrespondenz Schuchardt – Curtius ediert und kommentiert und neben den in Graz vorhandenen Brief von Curtius an Schuchardt auch mit einigen Briefen Schuchardts an Curtius aus dem Leipziger Archiv angereichert.
  • F.-R. Hausmann hat für das HSA die Briefe von Ebert an Schuchardt kommentiert herausgegeben. Schon im Februar 1869 antwortet Ebert auf einen nicht erhaltenen Brief Schuchardt ausführlichst über den Ablauf des Habilitationsverfahrens, schließlich verweist er ihn aber im 2. Brief vom 27. Mai 1869 an den Dekan Curtius.
  • Der wenig umfangreiche Briefwechsel mit Ritschl (von B. Hurch für das HSA bearbeitet) findet noch in Ritschls Bonner Zeit statt, also vor dem Leipziger Verfahren.
  • Eine Reihe weiterer Briefe nehmen explizit auf Schritte des Verfahrens bezug (beispielsweise gibt es einen Brief von Suchier 53-11423, der beim Habilitationskolloquium anwesend war und noch viele Jahre später diese Episode brieflich erwähnt; ebenso in sehr witziger Form auch ein Brief von Brugmann 03-01413, so wie andere mehr).

Noch eine Anmerkung zur Habilitationsschrift: Die eingereichte handschriftliche Habilitationsarbeit mit dem Titel „Mittelromanische Studien“ scheint nicht erhalten zu sein, sondern nur die entsprechende Druckfassung (Schuchardt 1870) mit dem Titel: “Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen”. Aufgrund der Kritiken und Wünschen der Gutachter ist davon auszugehen, daß Schuchardt die Schrift für die Veröffentlichung in einigen Punkten überarbeitet hat.

Unser Dank an das Leipziger Universitätsarchiv, das uns Scans der Akten zur Verfügung gestellt hat.[1]


Übersicht


Dokumente


Habilitationsersuchen und Lebenslauf

|1|

[fremde Hand:] Überreicht 3 Dec.

Der Unterzeichnete wünscht sich als Dozent der romanischen Sprachen an der Universität Leipzig zu habilitiren und richtet daher an die hohe philosophische Fakultät dieser Universität das ehrerbietige Gesuch, ihn noch in diesem Semester zu den erforderlichen Leistungen zuzulassen. Er hat die Ehre, als Nachweis über sein bisheriges wissenschaftliches Streben

  1. seine Vita,
  2. sein Abiturientenzeugniß,
  3. seine Exmatrikeln von den Universitäten Jena und Bonn,
  4. seine Doktordissertation,
  5. sein Doktordiplom und
  6. sein Buch den Vokalismus des Vulgärlateins
vorzulegen, ist zur Erledigung etwaiger weiterer Anforderungen erbötig und sieht baldigst geneigter Entscheidung mit schuldiger Hochachtung entgegen.

Dr. Hugo Schuchardt, Gotha

Leipzig, am 2. Dez. 1869.

|2|

Ich, Hugo Ernst Mario Schuchardt, lutherischer Konfession, Sohn des Justizraths Dr. Ernst Schuchardt und der Frau Malwina geb. von Bridel-Brideri, bin geboren zu Gotha am 4. Febr. 1842. Nachdem ich Privatunterricht genossen hatte, besuchte ich von Ost 1851 – Mich. 1859 das Gymniasium illustre zu Gotha, das damals unter Rost’s Leitung stand, seit Ost 1859 unter der Marquardt’s steht. Darauf bezog ich die Universität Jena und wandte mich daselbst dem Studium der klassischen Philologie zu. Ich besuchte die Vorlesungen von Danz,[2] Kuno Fischer,[3] Göttling,[4] Nipperdey,[5] Schleicher,[6] Adolf Schmidt[7] und Moritz Schmidt[8]. Ost. 1861 vertauschte ich Jena mit Bonn, wo ich während dreier Semester Jahn,[9] Ritschl,[10] Monnard[11] und Springer[12] hörte, während eines Jahres ordentliches Mitglied des philologischen Seminars war. Nach Hause zurückgekehrt, machte ich das Vulgärlatein zum besonderen Gegenstand meiner Studien. Am 21. Mai 1864 promovierte ich zu Bonn und bereitete dann in Gotha meine Arbeit über den Vokalismus des Vulgärlateins zum Drucke vor, welche 1866 -1868 bei Teubner erschien[13] (außerdem habe ich nur einige kleine Artikel in Zeit-|2v|schriften geliefert). Von Anf. Mai - Weihnachten 1867 hielt ich mich in Genf, von da ab bis Mitte April dieses Jahres in Rom auf (mit Ausschluß kürzeren Verweilens in Neapel, Pompei, Florenz, Mailand und Venedig). In Rom trieb ich erst klassische Studien, beschloß aber dann, mich ganz der romanischen Sprachwissenschaft zu widmen. Besonders war ich bemüht, mir durch Bibliotheksstudien und Verkehr mit dem Volke die ältere und neuere römische Mundart vertraut zu machen, über die ich binnen Kurzem eine Abhandlung zu veröffentlichen gedenke.

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Zulassung zum Verfahren durch das Ministerium

|3|

Dresden. 29 Dec. 69[14]

Das Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts ertheilt auf das von der philosophischen Fakultät zu Leipzig dem Regierungsbevollmächtigten Kreisdirektor von Burgsdorff angezeigte, von Letzterem mittels Dienstwegs vom 18./21. dieses Monats Anher übermittelten Gesuch des Dr. phil. Hugo Schuchardt aus Gotha dazu seine Genehmigung, daß derselbe, behufs seiner Habilitation bei der Universität Leipzig als Privatdocent für das Fach der romanischen Sprachen, von der philosophischen Facultät daselbst zu den vorschriftmäßigen Probeleistungen zugelassen werde, und macht der genannten Facultät solches zur Benachrichtigung des Gesuchstellers und Beförderung des weiter Nöthigen hierdurch bekannt.

Dresden, den 21. December 1869.

Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts.

[Unterschrift]

An
die philosophische Facultät
in
Leipzig




[Aktenzahl]

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Einreichung der Habilitationsschrift

|6|

Eingel. 21. Jan. 1870

Gotha d. 19 Jan. 1870.

Hochgeehrter Herr Dekan !

Nachdem Sie mir schon Ende v. J. gütigst die Nachricht mitgetheilt hatten, daß meiner Zulassung zu den Habilitationsleistungen kein Hinderniß im Wege stehe, ist es mir erst jetzt möglich geworden, meine Habilitationsschrift einzusenden. Ich muß dieselbe mit einigen entschuldigenden Bemerkungen begleiten. Sie beziehen sich zunächst auf die Anlage derselben. Das äußerliche Mißverhältniß, welches zwischen dem längeren allgemeinen und dem kürzeren besonderen Theile besteht, lag natürlich nich in meiner Absicht; aber von der Zeit gedrängt und mit Rücksicht auf den Usus, welcher verbreitet, dergleichen Dissertationen zu stark anschwellenzu lassen, gab ich einer früheren Entwurf der besonders der Rechtfertigung des Ausdrucks Mittelromanisch galt, auf und wählte aus dem ziemlich reichen Material das was mir das meiste Interesse zu bieten schien, aus. – Die äußere Form der Schrift ist vielleicht der Nachsicht noch bedürf- |6v| tiger, da sie theilweise von Correkturen und Zusätzen entstellt wird; ich fürchte, daß dies den Herren, welche sich damit zu beschäftigen haben, Lektüre einigermaßen erschweren möchte. Doch dürfte die Endursache dieses Übelstandes in der Bestimmung liegen, daß nichts Gedrucktes, sondern nur Handschriftliches, was aber dann sofort zum Drucke zu bringen ist, eingreicht wurde; druckfertige Manuskripte haben immer mehr oder weniger das Aussehen von Brouillons.
Trotz dieser Mängel hoffe ich, daß die erforderliche wissenschaftliche Befähigung und Bestrebung aus meiner Arbeit ersichtlich wird. Sie würden mich außerordentlich verbinden hochverehrter Herr Dekan, wenn Sie möglichst bald nach Eingang dieses mir die beiden Fragen beantworten wollten: wie viel Exemplare der Druckschrift ich abgeben muß und ob dieselbe nicht eine geringere Ausdehnung als die Handschrift haben kann. In diesem Falle würde ich jetzt, zum Zwecke der Habilitation, nur den ersten Theil drucken lassen, den zweiten aber und den ausgearbeiteten Rest später, um ein abgerundeteres Ganzes zu erzielen. Wie solches im Interesse der Arbeit selbst, so wäre es auch wegen der geringeren Kosten und wegen rascherer Erledigung wünschenswerth. In Rücksicht auf letztere scheint es mir nicht thunlich, eine Zeitschrift um Aufnahme der Abhandlung zu bitten, wie ja gestattet ist.

Was das Colloquium anlangt, so braucht dasselbe doch wohl erst kurz vor Beendigung des Druckes abgehalten zu werden?
Den Betrag von 20 Thalern für die Costen erlaube ich mir beizulegen.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung.

Ihr ganz ergebener

Dr. Hugo Schuchardt.[15]

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Stellungnahmen zur Habilitationsschrift: Curtius, Ebert, Zarncke, Ritschl und Verfahrensfragen

|4|

Habilitation des Dr. Schuchardt

An die Herrn Collegen   Dr. Ebert[16]
    Dr. Zarncke,[17] z.Z. Rector magnif.
Geh. Rath   Dr. Ritschl[18]

Die gestern eingegangene Habilitationsschrift des Herrn Dr. Hugo Schuchardt, betitelt

Mittelromanische Studien

lege ich den Herrn Collegen mit der Bitte vor, sich darüber gefälligst aussprechen zu wollen. - Ich lege die ursprüngliche Eingabe des Petenten mit den Beilagen und den neuesten Brief bei, der zwar eigentlich an den Decan gerichtet ist, aber doch im Eingang auch Bemerkungen von allgemeinerem Interesse enthält. Die Bitte, im Fall der Approbation nur einen Theil dieser Schrift drucken zu müssen wird darum etwas im Wege stehen. Ueber das Colloquium scheint aber H. Dr. Sch. nicht die richtige Vorstellung zu haben, es muß bestanden sein, ehe von uns die Genehmigung zum Druck ertheilt wird.
Von Dresden aus ist inzwischen die Zulassung des Dr. Sch. zu den Habilitationsleistungen ausgesprochen. Dagegen hat das Ministerium sich nicht bewogen gefunden auf unsre bescheidene Erinnerung an die Reform der Habilitationsordnung irgend etwas zu antworten, wird mithin nach der alten Weise zu verfahren sein.

Ergebenst
G. Curtius[19]

22. Jan. 1870

Decane spectabilis!

Die Habilitationsschrift des H. Dr. Schuchardt besteht - obgleich der Verf. seltsamer Weise sich darüber gar nicht äußert - aus 2 Bruchstücken eines größeren Werks, welches nachweisen soll, daß das Churwälsche, die Tyroler romanischen Mundarten und das Friaulische eine besondre romanische Sprachengruppe, die der Verf. Mittelromanisch nennt, bilden. Diese Aufgabe ist interessant genug; nur ist zu bedauernn, daß in den zwei vorliegenden Abschnitten des Werks, die nicht einmal mit einander in einer näheren Beziehung stehen, zu ihrer Lösung noch fast gar nichts beigetragen ist. Das erste Stück, ursprünglich mit Recht „Erstes Kapitel” überschrieben, jetzt mit dem vagen Titel „Allgemeines” versehen, gibt eine sehr gründliche Darstellung des Gebiets jener 3 Dialecte, bei welcher mit Umsicht die geographischen Beziehungen der einzelnen verwandten Mundarten zu einander hervorgehoben sind. Diese Arbeit befriedigt vollkommen, nur ist sie kein Werk der Forschung – der Verf. beruft sich nirgends auf eigene Untersuchungen an Ort u. Stelle |4v| und wäre sie dies selbst, würde sie doch der ]der[ Natur des Gegenstands nach nicht als ein Werk der Sprachforschung zu betrachten sein: daher erscheint sie jedenfalls für die Habilitation eines Philologen ungeeignet. (Denn auch der Excurs in der lange Note 55, p. 47 ff, über das Verhältnis des Oberhalbsteinischen zu dem Engadinischen u. Oberwaldischen ist im Grunde nichts weiter als eine statistische Übersicht gleichsam der Laute und Formen, wenn auch einzelne originelle Beobachtungen eingestreut sind).
Anders verhält es sich mit dem zweiten Stück, pag. 75 ff., dem der Verf. die nichts sagende Überschrift „Besonderes” gegeben: dies Stück kann allerdings in unserm Falle als ein Specimen eruditionis in Betracht kommen. Hier geht der Verf. von einer Beobachtung Carisch’s, des gründlichsten Grammatikers des Churwälschen, über den Einfluß des Jotacismus auf die Umwandlung des a in e in der betonten Silbe in einer der Graubündner Mundarten aus, um diese eigenthümliche Spracherscheinung zunächst innerhalb der letzteren selbst, dann in den andern romanischen Sprachen und ihren Dialecten umfassender zu verfolgen und ihre Bedingungen genauer festzustellen; bei welcher Gelegenheit auch manches andere Phonologische in einzelnen Formen und Wörtern untersucht wird, zumal der Verf. leider die Schwäche hat, leicht vom Hundertsten in das Tausendste zu kommen, und sich nur zu gern in Einzelheiten verliert. So ist ein Ballast von Anmerkungen entstanden, durch die sich hindurchzuarbeiten wenig erquicklich und nicht selten auch wenig lohnend ist. Was aber die Hauptuntersuchung angeht, so ist sie im Allgemeinen mit Gründlichkeit und Umsicht geführt, und legt allerdings davon Zeugnis ab, daß der Verf. auf dem phonologischen Gebiete der roman. Sprachen wohl zu Hause ist, und zu eigenen Forschungen auf demselben befähigt. Da diese Untersuchung auch für die Wissenschaft von Werth ist, indem die betreffende Spracherscheinung bisher noch nicht so im Zusammenhange untersucht und im Einzelnen verfolgt ist, so möchte ich diesen Theil der Schrift für genügend zur Habilitation erachten, trotzdem der Gegenstand kein bedeutender und verhältnismäßig eng begrenzter ist: nur ist der Arbeit vor dem Druck eine schicklichere Form zu geben, namentlich indem der Verf. sie anders als geschehen, einleitet. Der kleine Anhang p. 114 ff. ist auch nicht ohne Interesse, nur ist auch er mit weitschweifigen Anmerkungen belastet, deren Inhalt zum Theil mit dem behandelten Gegenstand gar nichts zu thun hat.

Ebert.

Dem vorstehenden Gutachten trete ich in allen Theilen bei. Die vorgelegten Partien, fast möchte man sagen Fetzen, zeugen zwar von einem großen Sammelfleiße, vielleicht auch Sorgfalt, aber zugleich von einem großen Mangel an Formtalent und einem gänzlichen Mangel an bedeutenden geistvollen Gesichtspuncten. Als specimen eruditionis aber, wie wir es gerade der Habilitation zu beanspruchen haben, mag das Vorgelegte genügen, da es in der That von ausgedehnten Studien zeugt.

Zarncke.

Zur Beurtheilung des sachlichen Inhalts vermöge meiner Studien gar nicht competent, darf ich doch in Beziehung auf die Form sagen |5| ganz denselben Eindruck von der Durchsicht der vorliegenden Abhandlung empfangen zu haben, wie meine Herren Vorvotanten. Er ist ein sehr analoger, wie der, den das Buch über den Vocalismus der Vulgärsprache gewährt, welches auch mehr Materialiensammlung ist als eigentliche Verarbeitung mittels belebender Gedanken und durchgreifender Gesichtspunkte. Wobei anzuerkennen ist, daß diese Collectaneen von sehr großem Fleiße des Verf. zeugen und den Stoff wenigstens in einer gewissen äußerlichen Ordnung darlegen. – Gegen die Zulassung zum Colloquium habe ich natürlich, auf Grund der vorstehenden Gutachten, nichts einzuwenden.

F. Ritschl

Die Lage dieser ganzen Angelegenheit hat sich inzwischen verschoben. Das Ministerium hat unser neues Habilitationsstatut mit geringen Veränderungen genehmigt. In wenigen Tagen wird es gedruckt sämtlichen Mitgliedern der Facultät vorliegen und darf schon jetzt als zu Recht bestehend betrachtet werden.
Es folgt daraus dreierlei
1) daß die eigentliche Commission nun nur aus drei Herrn besteht, die bisher votirt haben und daß mir als Decan nur die Leitung der Geschäfte obliegt,
2) daß diese Vota zunächst nur an die übrigen Mitglieder der Section gelangen und
3) daß darauf sofort das Colloquium folgen kann, sobald nicht Einspruch erhoben wird, dann erst die Besprechung im plenum.
Indem ich also dem Votum der Commission beitrete ersuche ich die übrigen Herrn Mitglieder der philologischen Section sich ebenfalls darüber aussprechen zu wollen. Vielleicht kann dann im Laufe der nächsten Woche das Colloquium und in der für Sonnabend 5 März ohnehin nothwendige Sitzung der Facultät die Plenarberathung stattfinden.




24. Febr. 70 Curtius[20]

Für Zulassung zum Colloquium:
[Unterschriften]

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Habilitationskolloquium

|5v|

Colloquium am 4ten März 1870 Nachm. 3 Uhr[21]

Das Colloquium mit dem pt. Candidaten verbreitete sich zunächst über die Gruppierung der romanischen Sprachen, ihre wesentlichen Unterschiede, die Mundarten der einzelnen, die Entwicklung der Schriftsprache &&, so wie über die Epochen der italischen Literatur, die Leistung des Candidaten genügte.

Ebert.

Über die Zusammenhänge des Vulgarlatein mit dem archaischen Latein wußte Cand. im Ganzen befriedigend Auskunft zu geben.

Ritschl

Das Gespräch verbreitete sich über die Aufnahme germanischer Bestandtheile in die romanischen Sprachen. Der Cand. zeigt sich hier recht gut unterrichtet. Nicht so befriedigten seine Kenntnisse, wo es sich um den Einfluß des Französischen auf die deutsche Litteratur handelte.

Zarncke

Damit wurde beschlossen die Habilitation der Facultät zu empfehlen.

Curtius
Ebert
Zarncke

Am 30ten April 1870 Nachmittags 4 Uhr im Auditorium No. 1 fand der Probevortrag des Herrn Dr. Schuchardt statt. Derselbe bezog sich auf die Classification der romanischen Sprachen. Der Habilitand verbreitete sich über diesen Gegenstand in einem anregenden Vortrag mit vieler Gewandtheit, worauf ihm, da der erforderliche Recurs schon von ihm ausgefüllt war, erklärt wurde, daß ihm die venia legendi für das Fach der romanischen Sprachen ertheilt werden könne.

Curtius
Ebert
Zarncke

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Probevortrag

|9|

Gotha, 8/4 70.

Hochverehrter Herr Professor !

Bezüglich der Aufstellung von Thematen für meinen Probevortrag bin ich in einiger Verlegenheit, dieselben müssen doch – mit Rücksicht auf die Gelegenheit und die kurze zur Vorbereitung gegebene Zeit – möglichst allgemeiner Art sein. Und ich würde diesen am liebsten über die Art der Verwandtschaft, in welcher die romanischen Sprachen zu einander stehen (man könnte kürzer sagen: über die Classifikation derselben), reden, da ich dabei meine besondere Anschauung geltend machen könnte. Würde ein etwas speziellerer Gegenstand gewünscht, so möchte ich vorschlagen: Charakteristik des churwälsch-tirolerisch-friaulischen Sprachkreises oder Charakteristik der heutigen Mundart der Stadt Rom.
Das betreffende Thema wird doch wohl auf dem Titelblatt der Habilitationsschrift |9v| nicht angegeben, da diese sonst zu spät ausgetragen werden müßte? Kann ich nicht den Namen irgend eines zweckdienlichen Auditoriums, so wie die Zeit zu welcher der Vortrag zu halten ist, in kurzem erfahren? Würde der 27 April 4 Uhr oder einer der folgenden Tage passen? Ich komme erst gegen Ostern nach Leipzig und wünschte meine Abhandlung gleich fertig gedruckt mitzubringen.
Sollte Ihr Dekanat schon abgelaufen sein, so ersuche ich Sie um gütige Mittheilung dieser Zeilen (oder ist die Bestimmung der Thematen in formellerer Weise einzureichen)? an den zeitigen Dekan.

Mit ausgezeichnetster Hochachtung
Ihr ergebenster
Dr. Hugo Schuchardt

Probevortrag

|8|

An die Commission für die Habilitationsangelegenheit
des Herrn Dr. Schuchardt

Den beiliegenden Brief des Herrn Dr. Schuchardt bringe ich hiemit zur Kenntnis der Commission. Nach unserem neuen Statut § 6 soll der Candidat erst 6 Tage vor dem Tage des Vortrags von der Wahl des Themas in Kenntnis gesetzt werden. Mithin ist es jetzt noch nicht möglich dies zu thun.
Dessenungeachtet wird es gut sein die Wahl zu treffen und ersuche ich die verehrten Herrn Collegen, sich darüber auszusprechen. Ohne vorgreifen zu wollen, scheint mir das erste Thema das zweckmäßigste und zwar in der präciseren Fassung „Classification der romanischen Sprachen”. Die Erwähnung mit dem Titel ist wohl überflüssig, sie genirt nur die Ausführung des Druckes, da doch die fertigen Exemplare einige Tage vorher eingetragen werden müssen.
Der 27te April Nachmittags 4 Uhr ist mir als Termin recht, ich bitte auch darüber um Ihre Erklärung und werde dann für ein Auditorium sorgen.

Leipzig 9 April 1870

G. Curtius[22]

Auch ich stimme für die Wahl des ersten Themas; gegen den gewünschten Termin habe ich nichts einzuwenden.

Ebert.

Wie College Ebert

Zarncke
Ritschl

|10|

Gotha, 16. 4. 70

Hochgeehrter Herr Professor !

Da der Druck, was ich nicht vorhersehen konnte, sich etwas verzögert hat, so werde ich wohl noch nicht am 27. d. M. meinen Probevortrag halten können, wohl aber an einem der folgenden Tage. Etwa am Freitag, d. 29. oder am Sonnabend den 30. Die Collegien haben ja dann dort noch nicht begonnen und das Auditorium 1 des Aug. würde zu meiner Verfügung sein? Kann ich dann unmittelbar darauf anschlagen lassen?
Indem ich Sie um baldgütigste Antwort ersuche, bin ich

mit vorzüglichster Hochachtung
Ihr ergebenster
Dr. Hugo Schuchardt

|11|

Den Inhalt dieses Briefes theile ich den Herrn Kommissionsmitgliedern mit der Bitte mit sich darüber erklären zu wollen, ob Ihnen die Verlegung des Probevortrags

auf Sonnabend 30 April Nachm. 4 Uhr

recht ist.

Ergebenst

G. Curtius

[…] April 70

Ich habe nichts dagegen
Ebert

desgleichen
Ritschl[23]

|12|

Gotha, 20/4 70.

Hochgeehrter Herr !

Da, wie erwähnt, die Versendung der Druckexemplare erst Ende dieser Woche ermöglicht wird, und mir der Herr Pedell Rühle mittheilt, daß das Auditorium N. 1 am Sonnabend, d. 30 d. M., um 4 Uhr, frei ist, so wünschte ich, wenn nicht von Ihrer Seite ein Einwand gemacht wird, zu genannter Zeit meinen Probevortrag zu halten. Ich möchte Sie ersuchen, mir die Mittheilung des gewünschten Themas nach Gotha zu machen (und zwar dürfte ich Sie dann wohl Sonnabend Morgens erwarten), da von der Wahl das Bedürfniß gewisser litterarischer Hülfsmittel abhängen könnte, die ich leichter hier, als in Leipzig, hätte. Zwar würde |12v| ich mich gern vorher mit Ihnen oder Herrn Prof. Ebert über das Thema besprochen haben, ich hätte noch mehrere allgemeine Themata vorschlagen sollen, da allerdings ein solches bei der Unruhe eines Umzugs von Gotha nach Leipzig mir besonders erwünscht wäre.

Indem ich Ihrer gütigen Nachsicht entgegensehe, bin ich
mit vorzüglichster Hochachtung
Ihr ergebenster
Hugo Schuchardt[24]


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Venia

|13|

[vorgedruckt:]

Der Unterzeichnete bekennt hiermit, dass ihm vom derzeitigen Decan der philosophischen Facultät unter dem heutigen Datum in Gemässheit der Ministerialverordnung vom 7. April 1861 eröffnet worden ist, dass er durch die ihm zu ertheilende venia legendi weder auf Unterstützung durch Gratificatinen, noch auf irgend eine feste Besoldung, noch auf künftige Erwerbung einer ausserordentlichen Professur einen Anspruch erhalte, dass vielmehr das eine wie das andere nach freiem Ermessen der höchsten Behörde nicht allein von dem Grade seiner Qualification zu dem academischen Lehramte und der Beschaffenheit seiner Leistungen, sondern auch davon werde abhängig gemacht werden, ob gerade einem speciellen wissenschaftlichen Bedürfnisse der Universität durch seine Lehrtüchtigkeit entsprochen werde.

Leipzig, den
[handschriftlich:] 26 April 70
Dr. Hugo Schuchardt

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Freistellung zu Badekuren

|14|

eingeg. 28 April
Abschrift
[Prägestempel Universität Leipzig]

Das Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts hat auf desfalliges Ansuchen dem Privatdocenten Dr. Hugo Schuchardt in Leipzig den zum Gebrauch einer längeren Badekur für das bevorstehende Sommersemester erbetenen Urlaub ertheilt und macht dem akademischen Senate solches zugleich zur Benachrichtigung der philosophischen Facultät und zur Bescheidung des Dr. Schuchardt hierdurch bekannt.

Dresden am 22. April 1871.

Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts.

Für den Minister:
Dir. Hübel

|15|

[…] 30st Nov. 1871.
Abschrift

Das Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts hat auf das in Abschrift anliegende Gesuch des Privatdocenten Dr. Hugo Schuchardt zu Leipzig den ihm für das verflossene Sommersemester zu einer längeren Badekur bewilligten Urlaub bis zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit zu verlängern beschlossen und macht dem akademischen Senate solches, zugleich zur Benachrichtigung der philosophischen Facultät und Bescheidung des Gesuchstellers hierdurch bekannt.

Dresden am 18. November 1871.

Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts
Gerber.

An
den akademischen Senat
zu Leipzig

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Ende der Dozentur in Leipzig: Ruf nach Halle

|16|

2083. eing. d. 21. Januar 73

Dem Vorstande des unterzeichneten Ministerium hat der Privatdocent in der philosophischen Facultät zu Leipzig Dr. Hugo Schuchardt angezeigt, daß er als ordentlicher Professor der romanischen Sprache an die Universität Halle berufen worden sei und diesen Ruf angenommen habe.
Das Ministerium läßt es bei dieser Anzeige bewenden und setzt die philosophische Facultät zu Leipzig zur Bescheidung des Dr. Schuchardt hiervon in Kenntniß.

Dresden, am 15. Januar 1873.

Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts.

Gerber

An
die philosophische Facultät
zu Leipzig.

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[1] Mein Dank für Transkriptionshilfen und Korrekturen an F.-R. Hausmann.

[2] Heinrich Aemilius August Danz [1806-1881] Rechtswissenschaftler.

[3] Kuno Fischer [1824-1907] Philosoph, Neukantianer und Philosophiehistoriker.

[4] Karl Wilhelm Göttling [1793-1869] klassischer Philologe.

[5] Carl Nipperdey [1821-1875] klassischer Philologe.

[6] August Schleicher [1821-1868] Sprachwissenschaftler, Indogermanist Begründer der Stammbaumtheorie, Vertreter der Evolutionstheorie. Vgl. Korrespondenz mit Schuchardt Nrn. 10058-10060.

[7] (Wilhelm) Adolf Schmidt [1812-1887] Historiker, Epigraph und Papyrologe.

[8] Moritz Schmidt [1823-1888] klassischer Philologe.

[9] Otto Jahn [1813-1869] klassischer Philologe, Epigraphiker, Archäologe, Musikwissenschaftler.

[10] Friedrich Wilhelm Ritschl [1806-1876] klassischer Philologe, zuerst Halle, dann Bonn, dann Leipzig. Vgl. Korrespondenz mit Schuchardt 09669-09671.

[11] Charler Monnard [1790-1865] Historiker und Romanist.

[12] Anton Springer [1825-1891] Kunsthistoriker.

[13] Schuchardt (1866, 1867, 1868); Brevier/HSA Nrn. 002a, 002b, 002c.

[14] Vgl. den Brief 02208 Curtius an Schuchardt aus dem Nachlaß Schuchardt vom gleichen Datum, wo Curtius dem Habilitationswerber den Ministerialbeschluß und Verfahrensdetails mitteilt.

[15] Curtius antwortet Schuchardt in einem Schreiben vom 23. Jänner 1870, Brief Nr. 02209 wiederum ausführlich über Verfahrensfragen.

[16] (Georg Karl Wilhelm) Adolf Ebert [1820-1890], Romanist, Literaturhistoriker. Vgl. die Korrespondenz mit Schuchardt 02677-02694.

[17] Friedrich Zarncke [1825-1891] Germanist, Hg. des Literarischen Centralblatts.

[18] Siehe oben.

[19] Georg Curtius [1820-1885] klassischer Philologe, bes. Gräzist. Vgl. die Korrespondenz mit Schuchardt 02208-02218, sowie Ziagos (2013).

[20] Am gleichen Tag schreibt Curtius an Schuchardt, Brief Nr. 02210, über Fortschritte des Verfahrens und wiederum zu Verfahrensfragen

[21] Curtius setzt Schuchardt in einem Brief vom 28. Februar, Brief Nr. 02211, schrift von diesem Terminvorschlag in Kenntnis.

[22] Curtius setzt Schuchardt am 12. April 1870 in einem Brief (Nr. 02212) über Verfahrensfragen zum mündlichen Kolloquium in Kenntnis.

[23] Curtius teilt Schuchardt dieses Einverständnis der Kommission brieflich am 20. April 1870 mit, Briefnr. 02213.

[24] Am 22. April teilt Curtius Schuchardt brieflich (Nr. 02214) die oben besprochene Wahl des Themas des mündlichen Kolloquiums mit.


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