Hugo Schuchardt: Einleitung

Hugo Schuchardt war die wahrscheinlich interessanteste und nachhaltigste Figur der Geschichte der Sprachwissenschaft in Österreich. Er lehrte an der Universität Graz von 1876 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1900 und blieb seinem Wohn- und Arbeitsort Graz bis zu seinem Tode 1927 verbunden. Auch sein Vermögen hinterließ er als Malvinenstiftung der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität, die diese, in die auch seine Villa Malwine eingebracht ist, bis heute verwaltet (http://www-gewi.uni-graz.at/malvine/)

Das Hugo Schuchardt Archiv (HSA) umfaßt im wesentlichen vier große Bereiche:

  1. Die elektronische Veröffentlichung von Schuchardts Gesamtwerk mit der dazugehörigen Sekundärliteratur und anderen relevanten biographischen und bibliographischen Materialien;
  2. Die Bearbeitung und elektronische Erfassung des handschriftlichen Nachlasses;
  3. Die Briefdatenbank, die die wissenschaftlich und forschungshistorisch relevanten Korrespondenzen aufarbeitet und mit Metadaten versehen elektronisch präsentiert;
  4. Materialien zur Kontextualisierung und Wirkungsgeschichte Schuchardts.

Das Hugo Schuchardt Archiv will schrittweise und in internationaler Kooperation eine Rekonstruktion des von Schuchardt mitbegründeten internationalen  Netzwerks bieten, was zu einem neuen Verständnis der Professionalisierung, der Institutionalisierung und der inhaltlichen Orientierung  des sprachwissenschaftlichen Diskurses im 19. Jahrhundert führt.

Der Aufbau des Hugo Schuchardt Archivs geschieht auf Initiative des Instituts für Sprachwissenschaft und verfolgt verschiedene Ziele bzw. besitzt entsprechend derzeit folgende Teile:

  • Zugänglichkeit
    Hugo Schuchardts Schriften, zu einem Gutteil von überraschender Aktualität, sollen in leicht zugänglicher Form und unterschiedlichen Formaten angeboten werden; trotz der Möglichkeit einer mehrbändigen Printedition fiel die Entscheidung - gerade aus Gründen der Zugänglichkeit und aus wissen(schaft)spolitischen Überlegungen - auf eine in der Herstellung kostengünstige und in der Benutzung kostenfreie elektronische Webedition.
  • Sekundärliteratur zu Schuchardt
    Das Bild Schuchardts ist von unzähligen Anekdoten und von einigen seiner bekanntesten Publikationen geprägt. Das Hugo Schuchardt Archiv bietet auch Sekundärliteratur zu Schuchardt, insbesondere die Würdigungen und Nachrufe auf den Meister; Quelle der meisten Lebensbeschreibungen ist der am ausführlichsten recherchierte Nekrolog von Elise Richter, der allerdings eine wissenschaftliche Darstellung vermissen läßt. An der eigenen Mythenbildung hat Schuchardt fleißig mitgearbeitet. Über sein Leben, seine Person und Persönlichkeit bekommt man erst nach langer Beschäftigung ein einigermaßen stimmiges Bild. Dieses setzt sich aus einer Vielzahl von Facetten zusammen, sein Umriß nimmt in einzelnen Aspekten erst nach und nach  festere Konturen an. Es bildet jedenfalls mit seiner wissenschaftlichen Produktion ein untrennbares Ganzes.
  • Vollständige Edition 
    Was die Publikationen angeht, erlaubt es eine elektronische Webedition, mit relativ geringem Mehraufwand das Gesamtwerk Schuchardts zu liefern. Nicht nur, daß man sich dadurch die Qual der Auswahl einer Druckedition erspart. Neben den (manchmal kurzen) großen Schriften sind es oft eben gerade die Miszellen, die Rezensionen, die Anzeigen, die pequeneces, die auch für die Nachwelt interessante Gedankengänge enthalten. Es gibt in Schuchardts Werk einige, immer wieder zusammenlaufende rote Fäden: Sprachkontakt und Sprachmischung, Kreolistik, Sprachverwandtschaft und Sprachwandel, Etymologien und Kulturforschung, Sprache und Ideologie, Sprachbeschreibung, Baskologie und andere. Er verfolgt diese Fäden systematisch durch das ganze Leben, zumindest über Jahrzehnte. Aber viele kleine Publikationen entstehen aus unmittelbaren Anlässen, politischen wie kulturellen, fachlichen wie allgemeinen. Schuchardt hat viele der kleinen Veröffentlichungen mit Sicherheit in einem Zug durchgeschrieben und häufig wußte er bereits bevor das erste Wort auf dem Papier stand, wo die Schrift veröffentlicht werden sollte. Der auslösende Faktor war oft die Lektüre, die Rezension somit eine Mischung von Darstellung fremder Arbeit mit eigenen Gedanken. Man vergegenwärtige sich etwa die Besprechung von Delbrücks Vergleichende Syntax  (1893, Nr. 276) oder äußerst kritische Auseinandersetzung mit Saussures Cours de linguistique générale (1917, Nr. 701) - selten gelesene Texte, die doch Einiges an forschungshistorischem Interesse bergen. Die Gesamtausgabe erlaubt eben gerade die Vollständigkeit des Schuchardtschen Werks.
    Die Werke sind als Bilddateien eingescannt, doch sind mittlerweile alle wichtigen Schriften OCR-bearbeitet, was die Benutzung wesentlich verbessert und erweitert.
  • Übersetzungen und fremdsprachige Texte 
    Schuchardt konnte es sich noch leisten, den Großteil seiner Schriften in seiner Muttersprache zu veröffentlichen. Daß die heutige linguistic comunity nicht mehr in der Lage ist, diese im Original zu lesen, gehört nicht zu den wirklichen Fortschritten des Faches. Dennoch war es Schuchardt auch ein Anliegen, den Gebrauch anderer Sprachen je nach Anlaß unter Beweis zu stellen. Neben dem Deutschen sind seine Schriften im Original in immerhin 10 unterschiedlichen Sprachen abgefaßt und veröffentlicht (vgl. die Liste anderssprachiger Originale). Gerade in den letzten Jahrzehnten erschienen aber einige Schriften in Übersetzung, insbesondere auf Spanisch, Englisch, Französisch und Italienisch. Alle Übersetzungen, derer wir habhaft werden konnten und für die wir die Erlaubnis zur Webveröffentlichung bekommen konnten, sind hier aufgenommen. Das erweitert eine mögliche aktuelle Rezeption beträchtlich, wie zum Beispiel die Präsenz Schuchardts auch in der englischsprachigen Kreolistik zeigt.
  • Korrespondenzen 
    Schuchardt hat nie und wollte nie eine Schule begründen, was immer der Grund dafür war. Misanthropie ist kein ausreichender Grund, und Schuchardt war - entgegen der häufigen Auffassung - ein äußerst geselliger Mensch. Ein wichtiger Teil seiner wissenschaftlichen Aktivität bestand im Aufrechterhalten von Kontakten. Er reiste im Laufe seines Lebens zunehmend weniger, ab 1906 so gut wie gar nicht mehr. Im Gegensatz dazu intensivieren sich seine Briefkontakte. In seinem Nachlaß sind mehr als 13.000 Korrespondenzstücke erhalten, und das sind lediglich jene, die Schuchardt erhalten hat. Einer groben Schätzung zufolge sollte diese Zahl um mindestens ein Viertel erhöht werden, um einen realistischen Umfang abzustecken. Die relevanten Korrespondenzen werden möglichst vollständig aufgearbeitet. Ziel wird es sein, Schuchardts Rolle in der Entstehung, Professionalisierung und Institutionalisierung sprachwissenschaftlichen Denkens und der philologischen Fächer durch seine herausragende Partizipation am Netzwerk darzustellen und das epistolarische Netzwerk selbst als eine konstitutive Säule der frühen Philologie zu etablieren. Seine eigenen Gegenbriefe haben wir überall da eingearbeitet, wo wir ihrer habhaft werden konnten. Erfreulicherweise hat sich die Zahl der uns zur Verfügung stehenden Gegenbriefe, also jener, die Schuchardt selbst geschrieben hat, in den letzten Jahren enorm vergrößert. Die Briefdatenbank steht mehr und mehr im Zentrum der Arbeit am Archiv (vgl. Korrespondenz)
  • Nicht-epistolarischer Nachlaß 
    Der nicht-epistolarische Nachlaß (Manuskripte) ist, wie das Verzeichnis von Wolf (1993) zeigt, zwar weniger umfangreich, spiegelt aber natürlich dieselbe Komplexität. Da bislang der Briefnachlaß im Vordergrund der Aufarbeitung gestanden hat, hat eine systematische Bearbeitung dieses Teils bislang nur punktuell stattgefunden. Auch hier ist auf zukünftige Arbeit der Grazer Sprachwissenschaft zu verweisen, wobei das Hugo Schuchardt Archiv lokale, nationale und internationale Kooperation anregen möchte und um Mitarbeit bzw. Interessensbekundungen bittet.
  • Sekundärbibliographie
    Eine Sekundärbibliographie zu Schuchardt möge als Arbeitsbehelf dienen. Die Brauchbarkeit von Bibliographien dieser Art speist sich zu einem Gutteil aus den Beiträgen und der Mitarbeit von Benutzern und Interessenten. So wird auch diese Bibliographie im Laufe der Jahre weiter wachsen und sich hoffentlich zu einem brauchbaren Instrument entwickeln.
    Wir bitten auch hier um Mitarbeit und Mitteilung von Ergänzungen!
  • Webpublikationen 
    Die Rubrik "Literatur" bietet unter Webpublikationen ein Forum für Online-Veröffentlichungen zu Schuchardt bzw. zu Themen, mit denen sich Schuchardt im Laufe seines Lebens wissenschaftlich beschäftigt hat. Die hier zur Verfügung gestellten Veröffentlichungen können kostenlos heruntergeladen werden und wir ermutigen alle Fachkollegen, uns auf mögliche Veröffentlichungen hinzuweien bzw. uns links oder copyright-freie elektronische Kopien neuerer, aber auch älterer Publikationen oder unpublizierte Manuskripte einschlägigen Inhalts zuzusenden, bzw. uns einfach die Erlaubnis zur Veröffentlichung ihrer Arbeiten zu erteilen.
  • Bilder und Lebensdokumente 
    Die Konkretisierung von wissenschaftlichen Inhalten hängt auch mit den involvierten Personen zusammen. Die Medien und die Form des wissenschaftlichen Diskurses im 19. Jahrhundert sahen eine persönliche Bekanntschaft, wie heute durch Tagungen, Gastvorträge, Gastdozenturen etc. gewährleistet, nicht vor. Es war unter den Wissenschaftlern der Generation Schuchardts gang und gäbe, bei Erreichen einer gewissen Intensität von Austausch in epistolarischen Beziehungen, das Bild voneinander durch die Zusendung eines eigenen Fotos zu konkretisieren und zu bereichern. Ordinarien wie Schuchardt ließen von sich in der Regel zumindest ein Foto in Postkartenform anfertigen und gaben dieses weiter. Ja, gelegentlich wurde die Übersendung eines Konterfeis des Briefpartners auch erbeten, auch von und über Dritte. In einem weiteren Sinne ist so die Kategorie "Bilder" des Archivs zu verstehen. Sie bietet Fotos von Hugo Schuchardt, bekannte und unbekannte, sowie Fotos aus seinem Leben. Schuchardt muß, wie die Korrespondenzen zeigen, insgesamt mehr Fotos besessen haben, doch sind diese wohl zwischenzeitlich verloren. Es ist zu hoffen, daß aus der Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken und Handschriften- bzw. Nachlaßabteilungen noch Stücke hervorkommen werden, die man hier wird verwenden können. Dokumente aus verschiedenen Momenten seines Lebens zielen darauf ab, das Bild des Menschen Schuchardt zu erweitern, zu konkretisieren und damit auch beizutragen, eine weitere greifbare Dimension seiner Person und Arbeit zu schaffen.
  • Schriftproben.
    Das Hugo Schuchardt Archiv bietet unter Handschriftenproben, und auch hier haben wir es mit einem unschätzbaren Vorteil digitaler Veröffentlichungen zu tun, Proben von Schuchardts Handschrift. Es geht dabei weniger um die reine Illustration, oder um einen Akt hagiographischer Verehrung, als vielmehr um ein Service für Fachkollegen, die in philologischer oder editorischer Form vielleicht mit Handschriften Schuchardts zu tun haben und Vergleichstexte benötigen. Solche liegen zwar auch in Form von handschriftlichen Briefen vor, doch werden hier nach Jahrzehnten systematisch geordnete  Beispiele zur Verfügung gestellt.

Insgesamt ist das Hugo Schuchardt Archiv eine offene Einrichtung, die einerseits feststehende Zwecke erfüllt, so die digitale Wiederveröffentlichung des Gesamtwerks, die aber andererseits als bewegliche und sich verändernde Struktur konzipiert ist, und die in Interaktion mit den Benutzern sich weiterentwickeln möge. Es ist geplant, die Briefdatenbank in einer Form auszubauen, daß die Schuchardtschen Korrespondenzen nur noch als Teil eines großen internationalen Netzwerkes zu sehen sind, in dem Linguistik als Fach entstanden ist. Das Archiv selbst wird dann, neben der Briefdatenbank ein selbständiger Teil dieser Dokumentation der Etablierung der philologischen Wissenschaften sein. Wir sind uns bewußt, daß das Archiv trotz der mittlerweile jahrelangen Arbeit vieler Beteiligter immer noch als 'under construction' gelten muß und weiterhin gelten wird; es enthält aber auch im gegenwärtigen unfertigen Zustand bereits sehr viel brauchbare Information. Die Pläne für die nächsten Schritte resultieren aus der Struktur: Aufarbeitung weiterer Briefwechsel, Lokalisierung und (soweit möglich) Aufarbeitung Schuchardtscher Gegenkorrespondenzen aus fremden Bibliotheken und Nachlässen, Aufarbeitung des nicht-epistolarischen Nachlasses und insbesondere die Perfektionierung jener Suchfunktionen, die es erlauben, wissenschaftliche Fragestellungen direkt an das Archiv zu richten und schließlich, also große Herausforderung, die Einarbeitung des Werk- und Manuskriptnachlasses. Die ständig wachsenden Möglichkeiten der digitalen Geisteswissenschaften stellen stets neue Anforderungen, sind aber gleichzeitig Herausforderung, die Möglichkeiten der Wissensvernetzung zu bereichern.

In den letzten Jahren wurde die Webseite als Teil des Projekts unter dem Titel "Network of Knowledge" vom Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung in Österreich (FWF, Projektnummer P24400-G15) finanziert. Für weitere Förderung danken wir der Professor Dr. Hugo Schuchardt'schen Malvinenstiftung, der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, dem Vizerektorat für Forschung und der Universitätsbibliothek Graz.